Das sind die Sorgen der Republik…

In diesen Zeiten kann man gewahren
viele ernste Leute – fast niemand lacht.
Nun hätt‘ ich gerne schon längst erfahren,
was sich jetzt jeder für Sorgen macht.
In meinem Hause wohn’n vier Parteien.
„Besuch‘ sie“, dacht‘ ich, „und üb‘ Kritik,
dann wirst du hören aus ihren Reihen:
Was sind die Sorgen der Republik?“

Im ersten Stocke saß voller Kummer
mit bleichen Antlitz ein – Millionär,
das Elend Deutschlands raubt ihm den Schlummer,
und die Familie denkt grad‘ wie er.
Die Söhne, Töchter, Frau Luise,
„Nur noch Devisen“ ist die Devise.
Ja, selbst der Enkel kriegt zum Pläsierchen
von Großpapachen ein klein’s Papierchen.
Und seufzt das Knäblein, dass kaum geboren:
„Ach, wenn doch morgen der Dollar stieg!
Wenn jetzt die Mark steigt, bin ich verloren!“
Das sind die Sorgen der Republik.

Im zweiten Stocke saß gramversunken
’ne Metzgerswitwe, die seufzt gequält:
„Bin reich geworden, kann prahl’n und prunken,
wat nützt det allens – die Bildung fehlt.
Könnt‘ man die koofen!“ So seufzt leise.
Sie schwärmte stets für die höh’ren Kreise –
wollt‘ stets der Tochter ’nen Leutnant wählen.
Nun hat sie’s Geld, und die Leutnants fehlen.
Sie sagt: „Ick hasse die neuen Reichen,
wohl sind die vor’gen? Fort seit dem Krieg – –
man muss verkehren mit – seinesgleichen!“
Das sind die Sorgen der Republik.

Im dritten Stocke hat sich erhoben
ein welker Jüngling mit ernstem Sinn.
Hat viel geschoben – nun is er oben,
dahingehend nach unten, was mach‘ ich? – Wo geh‘ ich hin?
Soll ich beim Foxtrott, im Club mich zeigen?
Geh‘ ich zum Boxkampf, geh‘ ich zum „Reigen“?
Ob’s Beinkleid wohl zum 5 Uhr-Tee passt?
Ob die Krawatte zum Cutaway passt?
Und wenn die Weste nicht recht gesessen,
was ich dann morgen zu hören krieg‘!
Bleibt ein Knopf offen? Nur nichts vergessen!“
Das sind die Sorgen der Republik.

Im vierten Stocke, den ich erstiegen,
da saß ein Mitglied vom Parlament.
Der Mann am Tische hat ernst geschwiegen,
vor sich ’nen Bogen aus Pergament.
Ich fragt‘: „Was wird das, Sie Mann, sie weiser?
‚Wird ein Entwurf wohl für Wohnungshäuser?
Wird’s ’ne Tabelle für Arbeitsfragen?“
„Es wird was höh’res“, hörte ich ihn sagen.
„Wenn das gemacht wird, so wie ich’s ahne,
dann ist geborgen die Politik.
’s wird ein Entwurf für ’ne neue Fahne!“ – –
Das sind die Sorgen der Republik.

Otto Reutter

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Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
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