Radiofabriken…

Lass mich preisen wonnetrunken
’ne Erfindung überall,
die berühmten Radiofunken
sind das Ohr vom Erdenball.
Bis nach Asien und Australien,
überall erglüh’n die Strahlien,
jede Stadt und jeden Staat,
Philadelphia, Baltimoore,
alles hast du bald im Ohre
durch den Radio-Apparat.
Radiofunken überall
auf dem ganzen Erdenball.

Brauchst dich nicht auf Reisen schinden,
lässt daheim bequem, famos,
mit dem Nordpol dich verbinden,
hörst von dort die Eskimos.
Brauchst nicht in die Tiefe tunken,
du hörst durch die Radiofunken
jeden, der das Meer bewohnt.
Kannst ein Luftschiff jetzt belauern –
und es wird nicht lange Dauer;
sprichst du mit dem Mann im Mond.
Radiofunken überall
auf dem ganzen Erdenball.

Brauchst nicht mehr zum Ball zu gehen,
hörst Musik an jedem Ort.
Dirigent ist nicht zu sehen;
der ist 1000 Meilen fort.
Ist in fernen, fremden Ländern
mal ein Shimmy neu erstanden –
all’die schönen Melodien
von Bananen und von Pinien
werd’n gespielt in Argentinien
und getanzt wird in Berlin.
Radiofunken überall
auf dem ganzen Erdenball.

Dort ist man jetzt verbunden
mit der Börse früh und spät.
Aus New York in 3 Sekunden
hört man, wie der Dollar steht.
Aber künden dann die Funken:
„Die Papiere sind gesunken!“
Wird man traurig und man spricht:
„Die Verbindung ist doch drahtlos,
und nun bin ich meinen Draht los,
die Erfindung passt mir nicht.“
Radiofunken überall
auf dem ganzen Erdenball.

Auch aus Frankreich jede Rede
hörst du von Poincaré.
Kündet Deutschland er die Fehde,
denkst du voller Groll und Weh:
„Schade, dass ich dich bloß höre,
und dich nicht beim Reden störe.
Kannst du dich nicht her bemüh’n?
Denn dann geb‘ ich unversöhnlich,
eine Antwort dir persönlich,
dass die Radiofunken sprüh’n.“
Radiofunken überall
auf dem ganzen Erdenball.

Brauchst nicht zur Versammlung laufen
in das Wahllokal hinein.
Wie sie schreien, wie sie raufen,
Würste hübsch zu Haus, allein.
Hörst dann durch die Radiofunken:
„Alle andern sind Halunken,
wir gehör’n ins Reichstagshaus.“
Wüste Gegenreden schallen,
Tische fallen, Schüsse knallen –
und wenn’s knallt, dann ist es aus.
Radiofunken überall
auf dem ganzen Erdenball.

Durch die Radio-Erfindung
setzt du dich daheim sofort
mit dem Reichstag in Verbindung,
hörst den Kanzler reden dort.
Doch spricht er dann von den teuern
Zeiten und von neuen Steuern,
Ei, dann kriegst du einen Schreck,
willst nichts hören von dem Staat mehr,
und dem ganzen Apparat hier,
stellst ihn ab und schmeißt ihn weg.
Radiofunken überall
auf dem ganzen Erdenball.

Oper hört ganz ungestört man
jetzt zuhause Ton für Ton.
Jeden Kammersänger hört man
in der eig’nen Kammer schon.
Manche Jungfer sagt voll Freuden:
„Brauch mich nicht mehr an zu kleiden
und zu zwängen ins Parkett.
An der Stimme mich erlabend,
hab zu Haus ich jeden Abend
mein Lohengrin im Bett.“
Radiofunken überall
auf dem ganzen Erdenball.

Auch Sie brauchen jetzt nicht wieder
kommen ins Theater hier,
hör’n zu hause meine Lieder,
werd’n verbunden schnell mit mir.
Und auch ich sing hübsch zu Hause,
lass verbind’n mich in der Klause
dann mit all’n, die jetzt im Saal.
Lach, wenn Sie sich amüsieren,
höre, wie Sie applaudieren
und dann sing ich noch einmal.
Radiofunken überall
auf dem ganzen Erdenball.

Weilt das Weibchen in der Ferne,
merkt sie, wenn der Gatte naht,
denn sie spürt, das hört sie gerne,
seinen Radio-Apparat.
Später funkt man noch geschwinder –
funkst du hier – komm’n da die Kinder.
Doch es wär noch mal so fein,
könnt man, wenn die Herzen glühen,
wenn die Radiofunken sprühen,
näher beieinander sein.
Radiofunken überall
auf dem ganzen Erdenball.

Drum, noch Größ’res wird bescheren
uns jetzt bald ein kluger Mann:
dass man jeden nicht nur hören,
dass man ihn auch sehen kann.
Hat man dann ein Weibchen gerne,
sagt man ihr aus weiter Ferne:
„Sieh‘, hier bin ich und ich bitt‘:
Küss‘ mich, reizendes Persönchen!
Du hast das Empfangsstatiönchen
und die Funken bring’ich mit.“

Otto Reutter

Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
Dieser Beitrag wurde unter Gedichte abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s