So wird die Tugend hier auf Erden schon belohnt…

Wer unsolid‘, so manches Mädel bringt nach Haus,
und Nachts noch ausgeht, dem gehn auch die Haare aus.
Mit dreißig Jahren schon glänzt hell sein teures Haupt,
doch der solide ist, bleibt immer dicht belaubt.
Mit sechzig Jahren hat so’n Mann noch keinen „Mond“,
so wird die Tugend hier auf Erden schon belohnt.

So mancher Schieber hat ’ne Wohnung viel zu groß,
der brav und fromm ist, dem genügt ein Stübchen bloß.
Da sitzt er froh mit der Familie eng vereint
im fünften Stock, was ihm besonders gut erscheint.
Weil er, der Fromme, nun so nah dem Himmel wohnt.
So wird die Tugend hier auf Erden schon belohnt.

’s gibt manchen Mann, der eine Frau sein eigen nennt,
die gut und brav ist, aber ohne Temp’rament.
Drum küsste er oft ’ne andre, die kokett und schlecht,
’s wird fast zu viel ihr, das geschieht dem Weibe recht.
Doch seine gute Frau zu Hause wartet schon,
so wird die Tugend hier auf Erden schon belohnt.

Jetzt, bei der Wohnungsnot, muss manche brave Maid
noch nachts spazieren gehn, so’n Mädel tut mir leid.
Dann naht ein Menschenfreund, biet’t ihr ein Zimmer an,
nun ist die Maid gerettet, folgt dem edlen Mann.
Und morgens wacht sie auf und weiß nicht, wo sie wohnt.
So wird die Tugend hier auf Erden schon belohnt

„Schafft Kinder“, ruft der Staat, „damit wir stärker sind!“
Drum manche Maid, auch ohne Mann, kriegt jetzt ein Kind.
Sie kriegt’s ja nicht für sich, sie kriegt’s fürs Vaterland.
Drum wird für jedes Kind ’ne Prämie ihr gesandt.
„Du kriegst, je mehr du kriegst,“ wird ihr dabei betont.
So wird die Tugend hier auf Erden schon belohnt.

So mancher sagt: „Wenn ich jetzt arbeit‘, ’s hat keinen Zweck
ich nehm‘ ’nem anderen dadurch die Arbeit weg.“
So’n jedermann lässt seine Kräfte ungenutzt,
dem anderen zulieb‘ – drum wird er unterstützt,
weil er sich schont,  damit der andre schafft und frohnt,
so wird die Tugend hier auf Erden schon belohnt.

Im Kriege hieß es: „Reichtum bringt euch nie Gewinn.
Gibt Gold für Eisen!“ Und so mancher gab es hin.
Doch wer’s nicht tat, wer nicht davon Notiz genomm’n,
der hat nachher sogar für Eisen Gold bekomm’n.
Wer patriotisch war, der schaute in den Mond.
So wird die Tugend hier auf Erden schon belohnt.

Ein Rädelsführer sagt zum andern: „ ’s ist egal,
’nen kleinen Aufruhr, den riskier’n wir allemal.
Wenn man uns packt, zu lange sitzen braucht man nie,
in drei, vier Wochen kommt bestimmt ’ne Amnestie.“
„Die Herr’n sind frei,“ wird dem Gerichte telefont,
so wird die Tugend hier auf Erden schon belohnt.

Für Kriegsanleihe gab so mancher seinen Draht,
doch wer’s nicht tat, treibt jetzt im Staat den größten Staat,
der wurde Reich, hat eine Villa, Schmuck und fein,
erfährt zum Rennen, setzt sich ins Theater rein,
protzig er in der Protzeniums-Loge thront,
so wird die Tugend hier auf Erden schon belohnt.

So mancher stand im Kriege vorn, vom Feind bedroht.
Erschoss dort auf Kommando manchen Menschen tot.
Der hinten stand, der hat vom Schießen nichts gewusst,
ein Kreuz von Eisen ziert jetzt seine tapf’re Brust,
weil er im Krieg das Leben anderer verschont.
So wird die Tugend hier auf Erden schon belohnt.

So manche Maid, bekümmert um ihr Seelenwohl,
geht jetzt zum Film, weil das Theater zu frivol.
Jetzt ist sie Diva, wohnt im feinsten Haus der Stadt,
mit der Mama, die einst dort aufgewaschen hat.
Und dem Papa, der einst die Stuben dort gebohnt,
so wird die Tugend hier auf Erden schon belohnt.

Der brave Michel, der war in Versailles so lieb,
da saß er und er schrieb und schrieb und unterschrieb.
Dann rief man ihn und er fuhr artig dann nach Spaa.
Er dacht‘: „Ich spar‘ in Spaa“, doch alle sagten da:
„Weil du so brav bist, darum wirst du nicht geschont.“
So wird die Tugend hier auf Erden schon belohnt.

Otto Reutter

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Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
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