Wo war’n Sie denn so lange?

Ich habe einen Freund gehabt –
der Mann war ein Bankier. –
Der nahm sich etwas viel heraus
man sperrt’ ihn ein – oje!
Er saß ’ne ganze Weile dann
allein im tiefsten Weh.
Als ich ihn endlich wieder sah,
da frug ich den Bankier:
„Wo war’n Sie denn so lange?“
„Im Ausland“, sagt‘ er mir,
ich aber dacht‘: Dein Ausland,
das ist nicht weit von hier.

Des Nachbars Fritz, der Schlingel, geht
nicht gern zur Schule rein.
Er lernt nicht viel – er ist sehr faul
und frech noch obendrein.
Drum sagt der Lehrer heut’ zu ihm:
„Du sitzt ’ne Stunde nach!“
Um ein Uhr kam er erst nach Haus,
sein strenger Vater sprach:
„Wo warste denn so lange?“
Da sagt der Schlingel keck:
„Mein Lehrer hat mich riesig gern –
der läßt mich gar nicht weg“.

’ne Dame vom Theater hier,
schon an die hm – zig Jahr’ –
die ist schon Großmama und stellt
noch Backfischrollen dar.
Wenn sie mal auftritt, geht sie ins
Theater schon um vier.
Und wenn es achte ist, dann sagt
der Regisseur zu ihr:
„Wo bleib’n Sie denn so lange?“
Dann schminkt sie sich und schreit:
„Bis ich hier achtzehn Jahre werd’,
das dauert seine Zeit!“

Ein Ehemann, der schaffte sich
mal ein Verhältnis an.
An jedem Tag besucht‘ er sie
und herzt und küsst sie dann.
Dann plötzlich aber stellte er
zwei Wochen sich nicht ein –
als er dann endlich wiederkam,
frug ihn das Mägdelein:
„Wo warste denn so lange?“
Da sprach der Mann ganz schlau:
„Ich hab‘ mal abgewechselt –
ich war bei meiner Frau.“

Zehn Damen hielten Kaffeeklatsch
des mittwochs stets um drei –
jüngst kamen neune nur – die
zehnte war nicht gleich dabei.
Auf die ging nun ein schimpfen los,
ein schnattern und ein schrei’n.
Als sie dann kam, war alles still,
da riefen alle neun:
„Wo bleib’n Sie denn so lange?“
Doch die sprach: „Freu’n Sie sich;
Sie soll’n doch was zu schimpfen hab’n –
deshalb verspät’t ich mich.“

Wenn mal der Zar ’ne Reise macht,
dann ist das wunderbar.
Da sieht man nichts wie Militär
und keiner sieht den Zar.
Jüngst fuhr er auch  Kreuz und Quer
bis nach Italien raus –
und als zurückgekommen er,
da rief die Zarin aus:
„Wo bleibste denn so lange?“
„Italien“, sprach der Zar.
„Ich macht‘ ’nen kleinen Umweg,
der dauert ’n Vierteljahr.“

Herr Schulz macht alle Jahre in
Marienbad die Kur –
er trinkt, er läuft, er sitzt auch mal –
’s geht alles nach der Schnur.
Sein Freund kam’s erste Mal dort hin. –
Als sie spazieren gehn,
läuft Schulze  fort und ist
’ne Weile nicht zu seh’n.
„Wo warste denn so lange?“
Frägt der – da sagte er:
„Sei du man erst acht Tage hier,
dann frägst du mich nicht mehr.“

Im Reichstag gibt’s Diäten jetzt –
’ne Summe kolossal.
Vor kurzem kam ein Mitglied dort
ganz spät erst in den Saal,
da frug ihn sein Kollege:
„Hatt’st wohl ’ne tolle Nacht?
Du hast wohl die Diäten
erst an den Mann gebracht?
Wo warste denn so lange?“
Da sagt‘ der andre schlau:
„Ich bring‘ mein Geld nie „an den Mann“–
ich bring‘ es „an die Frau“.“

Herr Schmidt, nebst Frau und Tochter,
machen ’ne Landpartie.
Der Bräutigam kommt ebenfalls –
bei sowas fehlt der nie.
Die Alten kehr’n im Wirtshaus ein –
die Jungen bleiben drauss –
die kommen erst viel später rein –
da ruft die Mutter aus:
„Wo war’t ihr denn so lange?“
„Im Wirtshaus“, sagten die.
Die Mutter sagt: „Das glaub‘ ich nicht,
ihr habt ja grüne Knie.“ –

Ein Mädchen, zwanzig Jahre alt,
war riesig lebensfroh.
Sah sie ’nen Jüngling, dann brannt‘
ihr Herze lichterloh.
Auf einmal ward Sie etwas blass,
sie musst hinaus aufs Land –
und als sie dann zurücke kam,
da frug ich ungalant:
„Wo war’n Sie denn so lange?“
Sie sprach: „Aufs Land hinaus.“
Ich sagt‘: „Das tat Ihn’n gut. – Sie seh’n
wie neugeboren aus.“

Herr Meier sitzt noch in der Nacht
vergnügt im Wirtshaus drin.
Da sagen seine Freunde ihm:
„Jetzt geh’n wir noch wohin.“
Wo die gewesen, sagt ich nicht;
Sie hab’n sich amüsiert,
hab’n dann den Freund nach Haus gebracht.
Da frug die Frau pikiert:
„Wo warste denn so lange?“
Da rief die Freundesschar:
„Sie könn‘ ja nächstens mitkomm’n –
dann wissen Sie, wo er war.“

In Heidelberg sollt‘ kürzlich Cook,
der Nordpolfahrer, sein.
Drum setzte ich mich in den Zug
und stellt‘ mich bei ihm ein.
Er trank gerad‘ ein Nordlicht aus
und aß ’ne Schale Eis
als ich den forschen Forscher sah,
frug ich ihn naseweis:
„Wo war’n Sie denn so lange?“
Doch er sprach aufgeweckt:
„Ich war drei Tage fort, ich hab‘
den Südpol jetzt entdeckt.“

Ein Ehepaar blieb kinderlos,
was ihm sehr wehe tat.
Drum schickt, weil’s ihm der Doktor sagt,
der Mann die Frau in’s Bad.
Und richtig – kaum, dass sie retour,
da pocht’s an’s Fenster – horch! –
Da bringt der Storch ’nen Jungen an
und Vater sagt zum Storch:
„Wo bleibste denn so lange?“
Der Storch sprach zum Papa:
„Schick deine Alte früher weg,
dann bin ich früher da!“

Otto Reutter

Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
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