Bevor du sterbst…

Im Varieté und im Cabaret –
da bringt man jetzt beinah in jedem Couplet –
dieselben Themen, dieselbe Idee –
auch ich mach’s nicht anders, wenn ich hier steh‘.
Man singet der Liebe, der Weiblichkeit –
man glossiert die heutige schwere Zeit –
schimpft auf die Regierung, damit Sie lachen –
denn tadeln ist leichter, als besser machen. –
Man beklagt schlechte Zeiten sehr –
man wundert sich über gar nichts mehr –
man singt von den Steuern in unserem Land –
von England und vom Dollarstand –
schimpft auf die Franzosen vor’m Publikum –
da kümmern die sich den Deuwel drum.
Kurz, man singt stets nach dem selben Schema –
drum wähle ich jetzt mal ein anderes Thema –
sing‘ nichts vom Leben, das bald verrinnt
und das fast unerträglich für jeden –
nein, weil wir so fröhlich beisammen sind,
da wollen wir mal ’n bisschen vom – Sterben reden.
Jawohl, vom Sterben – erschreckt Sie das sehr?
Sie meinen, das Thema passt nicht hierher?
Dann müssen wir’s eben schmackhaft machen
der Tod soll nicht uns, wir woll’n ihn verlachen.
Was ist denn das Leben? ’ne Urlaubszeit –
genommen von der Ewigkeit.
Ein Traum, etwas Freude und sehr viel Not –
das Leben ist schon der Anfang vom Tod –
denn sobald geboren, komm’n wir ihm näh’r –
also müssen wir denken: komm doch her!
Ich gebe zwar zu, dass es uns nicht frommt,
dass der Tod g’rad‘ am Ende des Lebens kommt –
man sieht ihm ständig entgegen mit Beben.
Der Tod ist so’n schlechter Abschluss vom Leben.
Es wäre viel schöner sicherlich:
erst sterben – dann hätte man’s hinter sich –
und nachher Leben, das wäre fein –
ja, nun müssen wir denken: es kann nicht sein –
wir können ihm nicht aus dem Wege gehn –
also muss man dem Feinde ins Auge seh’n.
Dann kriegt er ’nen Schreck, wenn man ihn verlacht –
denn er ist feige, drum kommt er meist bei Nacht.
Gefällt uns das Leben denn heut‘ so sehr?
Das Sterben ist leichter, das Leben ist schwer.
Der Tod ist ’ne Brennnessel, die uns sticht –
aber packt man ihn fest an, dann sticht er nicht.
Wenn er kommt, dann sage man freundschaftlich:
„Da sind Sie ja, bitte setzen Sie sich.“ –
Dann wird er verlegen und sagt beklommen:
„Na wenn ich störe, ich kann ja mal wiederkommen“ –
und dann geht er auf andere los wie Blücher –
aber kommen tut der Mann, das ist todsicher –
und weil er kommt, dann muss man beizeiten –
sich, auf sein Kommen gut vorbereiten.
Jetzt sind wir verschieden – arm und reich –
aber wenn wir „verschieden „sind, sind wir gleich.
Drum, gibt es verschiedene Regeln fürs Leben
muss es auch eine Regel fürs Sterben geben.
Man muss allerdings wissen, wann es so weit –
aber da kommen wir hin in kürzester Zeit.
Nun denke dir mal, liebes Publikum,
du wüsstest, wann deine Tage um –
die Regeln, die du jetzt von mir erbst, –
befolge dann pünktlich, bevor du sterbst.

Bevor du sterbst, schreib selbst noch ohne Rasten
die Trauerbotschaft – steckt sie selbst in’n Kasten.
Die Post lässt oft die Briefe lange liegen,
so wird die Nachricht jeder zeitig kriegen.
Es ist auch sich’rer, du schreibst die Adressen,
wie leicht wird sonst vielleicht g’rad der vergessen,
den g’rad dein Tod ins höchste Glück versetzte,
mach‘ ihm die Freude, ’s ist ja doch die letzte.

Bevor du sterbst, räum‘ noch hübsch auf für immer,
so aufgeräumt wie du, sei auch dein Zimmer.
Stell’s Telefon ab, brauchst ja nicht mehr reden,
stell‘ auf den Tisch die duftenden Reseden.
Schreib‘ selbst die Grabschrift – kurz: „Es ist ein Faktum:
es starb in (Ort) am (folgt das Datum)
der Soundso – von allen nun Verwaiste
wird er betrauert, von sich selbst am meisten.“

Bevor du sterbst und einziehst in die Fremde
rasier dich noch und nimm ein reines Hemde.
Mußt dir `ne saubere Krawatte drechseln,
du kannst nachher die Wäsche nicht mehr wechseln.
Leg dich bequem, befreit von jedem Zwange,
du liegst in dieser Lage ziemlich lange.
Nimm`n Kissen untern Kopf mit weißen Bündchen
und mit der Aufschrift „Nur ein Viertelstündchen“.

Bevor du sterbst, schau nach dem Wärmemesser,
dreh Heizung ab, für dich ist Kälte besser.
Bestell den Milchmann ab, und auch den Bäcker,
zieh deine Uhr auf, aber nicht den Wecker.
Und dann stirb pünktlich, Frauen wollen zum Schneider,
sie können nicht trauern ohne Trauerkleider.
Ja, manche, die bestellen `s schon vor dem Tode,
wenn du dann wartest, ist es aus der Mode.

Bevor du sterbst, wenn es in letzter Stund ist,
Ruf nach dem Arzt, dann glaubt man’s, dass du tot bist.
Der wird dir sag’n: dies tu` und das lass bleiben,
ein zweiter wird das Gegenteil verschreiben.
Und hilft ja auch der zweite nicht, dann wartste
und rufst vielleicht nach einem dritten Arzte
der kommt mit anderen Mitteln, ganz aparten –
so gibt es eb’n verschiedene Todesarten.

Bevor du sterbst, kurz vor dem letzten Schlafen
schau freundlich aus, grad wie beim Photographen.
Behalt den Ausdruck, tu, als ob du lachtest.
Man braucht nicht seh’n, daß du dir Kummer machtest.
Denk an was Schönes: Sekt, Tanz, Kerzenschimmer!
Denk an die Frau – jedoch das hilft nicht immer.
Schau geistreich aus, das ist schwer nach dem Leben,
weil du dann meist den Geist schon aufgegeben.

Bevor du sterbst, mußt du was Großes reden,
die letzten Worte int`ressieren jeden.
„Mehr Licht!“, sprach Goethe, das war klug und weise.
So was, das muß dir einfall`n vor der Reise.
Doch, `s muß dir vorher einfall`n, unablässig,
wenn dir`s erst nachher einfällt, dann ist`s Essig.
Man darf nicht sag`n: „Ihm wurde schwach im Köppchen,
die letzten Worte war`n: Wo ist das Töppchen?“

Bevor du sterbst, sorg noch auf dieser Erden,
daß keine großen Red’n gehalten werden. ,
Laß keinen reden, der dafür bezahlt wird,
daß bloß mit deinen Tugenden geprahlt wird.
Ein guter Freund kann ein paar Worte sprechen,
dich schildern, wie du warst, mit deinen Schwächen,
damit’s nicht heißt: „Nicht einen Fehltritt tat er!“ –
und hinten schreit ein Kind nach seinem Vater.

Bevor du sterbst, da lieb noch, denn du weißt es:
„O lieb‘, so lang‘ du lieben kannst“, so heißt es,
doch fehlt die Kraft dir, lass‘ es, denn du weißt es
„O lieb‘, so lang‘ du lieben kannst“, so heißt es.
Stirbst du in Lebensherbst, halt’s mit dem Weine,
der Wein reift erst bei’m letzten Sonnenscheine.
Die Liebe blüht im Lenz, Wein reift im Herbste.
Drum trink, kannst du nicht lieben, und dann sterbste.

Bevor du sterbst, such noch nach alten Bildern
und Briefen, die dein Liebesleben schildern.
Verbrenne jede einst von dir Erwählte,
die später dann als Jungfrau sich vermählte.
Vernichtet die Erinn’rung deiner Triebe,
kein Feuer brennt so heiß, wie alte Liebe.
Sanft rühre ihrer Asche dann beisammen,
als letzter Rest von deinen alten „Flammen“

Bevor du sterbst, besuch` noch die Bekannten,
die sich mit Recht einst deine Freunde nannten.
Sag nicht warum du kommst, beim Weitergehen
schau sie nur an, sag` kurz „Auf Wiedersehen“. – –
Doch hat dich jemand schwer gekränkt mitunter,
mit letzter Kraft hau dem noch eine runter.
Kriegst du Gefängnis dann von läng`rer Dauer,
schreib kurz „Ich kann nicht kommen, ich habe Trauer.“

Bevor du sterbst, musst du dir Antwort geben:
war dieses Leben wert, es zu erleben?
War`s nicht ein Tasten, Hasten, krass und flüchtig?
Was heute wichtig, scheint dir dann sehr nichtig.
Wird eine Träne dann um dich vergossen,
die schätzt du mehr als alle Dollarhaussen,
doch von den meisten Menschen und den Dingen
denkst du dann bloß wie Götz von Berlichingen.

Bevor du sterbst – du weißt ja die Sekunde –
gib alles aus, grad bis zur letzten Stunde.
Bloß Steuern zahl’ im Voraus auf zehn Jahre,
sonst hast du keine Ruhe auf der Bahre.
Doch sonst gib’s aus – brauchst nicht mal’n Sarg zu kriegen,
sei unbesorgt, sie lassen dich nicht liegen.
Denn hat der Staat auch vieles dir genommen,
am Ende sorgt er für dein „Unterkommen“.

Bevor du sterbst, da kannst du die bedenken,
die dich geliebt, die kannst du reich beschenken.
Doch gibt`s Verwandte, die auf `s Ende lauern.
wenn die was erben, können sie nicht trauern.
Die geh`n vom Grab direkt zum Weinlokale,
dort weint man nicht, man lacht beim Weinpokale.
Sie trinken auf dein Wohl, beim Saft der Reben.
Erst wenn du tot bist, lassen sie dich leben!

Drum eh du stirbst, mußt du noch einmal lachen,
nicht denen, dir mußt du `ne Freude machen.
Ruf diese Bande. Kommen sie dann in Masse,
und können nicht weinen, zeig ihnen die leere Kasse.
Wenn sie die sehen, da kränken sie sich tüchtig,
da werden sie traurig, und dann weinen sie richtig.
Und wenn sie weinen, zeig ihnen deine Lende
und lach dich tot. Das ist das schönste Ende!

Zusätzlich auf der Schellackplattenaufnahme:

Bevor du sterbst, mußt du dir `n Abschied leisten,
denn man betrauert meist sich selbst am meisten.
Spiel `n Trauermarsch auf deinem Klimperkasten,
doch spiele ernst, nur auf den schwarzen Tasten.
Bist du verheirat` mit `nem gift`gen Drachen,
dann schimpf` nochmal, daß alle Wände krachen,
doch dann stirb schnell, sollt` sie dann weiterbrüllen,
dann hörst du nichts und hast den letzten Willen.

Otto Reutter

Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
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