Das gefährliche Alter…

Man sieht jetzt an Fenster und Schalter
in jeglichem Büchergeschäft
ein Buch: „Das gefährliche Alter“ –
ein äußerst gefährliches Heft.
Die Liese, die zeigt es dem Walter –
der Walter, der zeigt’s der Marie,
das Buch vom gefährlichen Alter,
das interessiert ihn und sie.

Auch ich hab’ das Buch gelesen, und ich dacht’ dabei:
Wann beginnt wohl dieses Alter und wann ist’s vorbei?
Wann sind wohl die Frauen wirklich alt, in welchem Jahr?
Eine Dame sagt’ mir heute, die so im Mittelalter war:
„Ging ich einst mit meiner Tochter,
sagten alle in der Stadt:
,Seht mal bloß, was dieses Mädchen
für ’ne schöne Mutter hat.´
Geh’ ich heut’ mit meiner Tochter,
flüstern alle hinterdrein:
,Diese Mutter – kaum zu glauben –
hat solch schönes Töchterlein!‘ –
Wenn die Töchter wir beneiden,
sind wir alt,
und uns noch wie’n Backfisch kleiden,
sind wir alt,
wenn verschminkt man das Gesicht sieht,
wenn man uns nur noch bei Licht sieht
und im Negligé uns nicht sieht,
sind wir alt.
Wenn wir’n fetten Mops genommen,
sind wir alt,
wenn wir auf den Hund gekommen,
sind wir alt.
Wenn kein Mann zum Rendezvous geht,
wenn vereinsamt man zur Ruh’ geht,
wenn’s Korsett nicht mehr ganz zugeht,
sind wir alt.“ – –

Eine Frau mit viel Vergangenheit, doch nett und fein,
die zu alt ist, um noch jung – zu jung, um alt zu sein,
frug ich jüngst: „Wann naht das Alter?“ Sie sprach resigniert:
„Bei der Frau gibt’s eine Grenze, wo sie merklich älter wird.
Diese Grenze unterscheid’ ich scharf – alt ist man nie,
wenn der Mann die Frau noch fragen darf: ,Wie alt sind Sie?‘
Doch die Jugendzeit, Gott sei’s geklagt, ist bald vorbei,
wenn der Mann nicht mehr zu fragen wagt, wie alt sie sei.
Die Frau ist alt, ich will nicht lügen,
wenn sie betrogen wird, statt zu betrügen.
Manche sagen zwar, mit vierzig
sei die Frau erst voll und würzig.
Doch ich glaube wohl, man irrt sich.
Daß dann die wahre Schönheit erst beginnt,
sag’n nur die Frau’n, die über vierzig sind.“

Einem Backfisch, mollig, drollig, noch nicht sechzehn alt,
sagt’ ich heute so im Scherz: „Nun naht das Alter bald.
Ist’s bei Ihnen schon gefährlich?“ Als ich dies gefragt,
wollt’ ich ihr ein Küßchen geben – da hat sie empört gesagt:
„Mein Herr, Sie hab’n eine Ehrenpflicht!
Sie dürfen wohl fragen, doch küssen nicht.
Ich brauch’ keinen Herzensverwalter.
Sie wissen, ich bin noch nicht sechzehn alt,
ich warn’ Sie vor mir und – – – dem Staatsanwalt!“
Dass ist ein gefährliches Alter.

Sarah Bernhardt wollt‘ ich fragen, wann das Alter nah.
Sie war grade auf der Probe, stand als „Jungfrau“ da.
Als ich frug, da war sie böse – und Sie warf sich gleich
in die Brust, die sie nicht hatte – und sie sagte schreckensbleich:
„O mon Dieu! Hinausgeschmissen
woll’n sie was vom Alter wissen,
müssen Sie ’ne Ält’re Fragen!“

Eine Balletteuse kenn’ ich, die schon hm-zig Jahr’,
der erzählt’ ich auch vom Alter, als ich bei ihr war.
Und sie sprach: „Ich tanz’ durchs Leben schon ’ne lange Zeit.
Laß das Alter dir erklären, denn ich weiß darin Bescheid.
Für eine Maid, kaum zwanzig Jahr’,
da ist die Sorge – das ist klar –
ums spät’re Alter noch entbehrlich.
Mit dreißig werden sie schon bös,
sie sind hysterisch, sind nervös.
Da wird das Alter schon gefährlich.
Mit vierzig sind sie dreißig alt,
dann neun- und achtundzwanzig bald.
Dann wechseln sie ihr Alter jährlich.
Mit fünfzig kommt noch Liebesqual,
sie denken stets: „’s ist’s letztemal!“
Da wird das Alter noch begehrlich.
Mit sechzig färb’n sie’s Haargeflecht –
und nur die grauen – die sind echt,
da nennen sie ihr Alter schwerlich.
Mit siebzig sag’n sie dann und wann:
,Jetzt komm’n wir an die fünfzig ran.‘
Da wird das Alter unerklärlich.
Mit achtzig noch hysterisch? – nein –
da werd’n sie eh’r historisch sein.
Da wird das Alter schon beschwerlich;
doch sag’n sie nicht, wie alt sie sind.
Nein, erst mit hundert, liebes Kind,
da nenn’n wir unser Alter ehrlich.“

Eine Frau, noch nicht sehr alt und sehr gut konserviert,
die sich, wie mir scheint, ein wenig für mich int’ressiert,
traf ich kürzlich mal allein – ich frug so nebenbei:
„Ist ihr Alter sehr gefährlich?“ Da sprach sie voll Schelmerei:
„Mein Alter? Gott behüte,
ein harmlos, alter Mann,
voll Liebe und voll Güte.
Sieht mich für’n Engel an.
Wenn Sie mich küssen, merkt er’s schwerlich,
mein Alter ist nicht sehr gefährlich.“
.
Meine Tante – vierzig Jahr’, kennt keine Leidenschaft,
ist phlegmatisch und asthmatisch und philisterhaft.
Auch die frug ich, ob das Alter jetzt gefährlich sei.
Da sprach sie mit müder Stimme – und sie gähnte oft dabei:
„Mich fechten nicht die vierzig an,
ich hab’ genug an meinem Mann,
mein Mann, der hat genug von mir,
jetzt leb’n in schönster Ruhe wir.
Ich kriegte früher oft was Klein’s,
im Durchschnitt in zwei Jahren eins.
Jetzt ist der Jüngste längst getauft,
die Kinderwiege ist verkauft.
Wir sind uns treu zu jeder Zeit,
wir sind treu – aus Bequemlichkeit.
Das Untreuwerden ist nicht schön,
da muß man aus dem Hause gehn.
Man hat ’ne Menge Schererei,
man wird auch oft gestört dabei.
Wir bleib’n für uns – leb’n nicht zu knapp,
mit einem Wort: Uns geht nichts ab.
Wir lieb’n das ew’ge Einerlei,
wir werden dick und rund dabei,
’s ist so behaglich und so schön,
wenn Menschen ,auseinander‘ geh’n.
Ich lieb’ nur meinen Mann allein –
doch ich gesteh’ es offen ein:
Hätt’ ich ’nen ander’n Mann geschnappt,
den hätt’ ich grad so gern gehabt.“

Meine Großmama lebt’ fünfzig Jahr’ mit Großpapa,
die sprach weise lächelnd: „’s Alter ist noch gar nicht da.
Wenn die Jahre auch vergeh’n, das macht uns keine Pein,
auch der Winter kann sehr schön sein, auch der Abend kann uns freu’n.
Wer den echten Jugendtrieb hat, läßt uns auch im Alter besteh’n,
wer uns seit der Jugend lieb hat, find’t uns auch im Alter schön.
Bleibt das Herz nur jung und ehrlich, wird das Alter nie gefährlich.“

Otto Reutter

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Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
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