Aus Dankbarkeit…

Mit vollem Rechte schauen wir
herab auf’s undankbare Tier.
Der Mensch ist dankbar – doch das Vieh
übt diese schöne Tugend nie.
Die uns den höh’ren Wert verleiht,
die Tugend heißt: Die Dankbarkeit!

Ein Onkel, reich, ist krank und matt,
die Erben komm’n aus fremder Stadt.
Man ruft den Arzt – verlor’ne Müh’ –
als Onkeln dann begraben sie,
Da spend’n dem Arzt die lieben Leut‘
dreitausend Mark – aus Dankbarkeit.

Pumpt man dich an, dann schreibt man dir
acht Seiten – eng – aufs Briefpapier –
Kriegst Briefe täglich, stündlich fast – –
doch wenn du was gegeben hast,
dann schickt man dir nach langer Zeit
’ne Ansichtskart‘ – aus Dankbarkeit.

’s tritt ein Fabrikarbeiter ‚rein
zum Fabrikanten – „Sie werd’n verzeih’n –
ick bin heut‘ g’rad fünfzig Jahr‘
bei Ihnen.“ – Der sagt: „Ist das war?
Dann sind Sie alt. – Das tut mir leid!“ –
Und schmeißt ihn raus – aus Dankbarkeit.

Ein alter Krieger wartet schon
seit siebzig auf die Pension.
Da, endlich, komm’n zehn Mark ins Haus.
Da reckt er sich. Stolz ruft er aus:
„Wer treu gedient hat seine Zeit,
den nährt der Staat – aus Dankbarkeit.“

Ein Schmetterling fliegt in der Luft,
trinkt Sonnenschein, saugt Blumenduft.
Ein Knäblein fängt den Schmetterling
und ruft entzückt: „Welch buntes Ding.
O, mich erfreut dein buntes Kleid“ –
und spießt ihn auf – aus Dankbarkeit.

Ein Vöglein singt im Waldeshain –
da kommt ein sanftes Mägdelein.
Das ruft: „Hab‘ Dank für den Gesang –
Dir will ich lauschen jahrelang.“
Das Vöglein, dem kein Raum zu weit,
sperrt sie nun ein – aus Dankbarkeit.

Ein Forscher macht ’ne Nordpolreis‘ –
viel Hunde zieh’n durch Schnee und Eis
die Schlitten, plag’n sich fast zu Tod –
da, dicht vorm Ziel, gibt’s Hungersnot –
Die Hunde, die stets hilfsbereit,
frißt er nun auf – aus Dankbarkeit.

Ein junger Dichter schrieb ein Stück.
Es ward gegeben ohne Glück.
Dann ward’s verboten – dann ward’s frei –
nun strömten alle Leut‘ herbei.
Der Dichter hat sein Stück geweiht
dem Zensor dann – aus Dankbarkeit.

Der Vater sagt zum Sohn entsetzt:
„Bist wieder durchgefallen jetzt.“
Der Sohn sagt: „Ich kann nichts dafür,
mein Lehrer meint’s zu gut mit mir.
Mein Abschied macht ihm Herzeleid,
Ich bleib‘ noch da – aus Dankbarkeit.“

Die Schwester sitzt beim Schatz allein,
da kommt ihr kleiner Bruder rein,
bleibt bei den beiden im Salon –
Da schenkt ihr Schatz ihm ’nen Bonbon.
Da sagt der Knirps, der sehr gescheit:
„Nu geh‘ ich raus – aus Dankbarkeit.“

Ein Jüngling, der ein Mägdelein
drei Jahr gekannt, läßt sie allein.
Nimmt Abschied kühl – mit feuchtem Blick
ruft sie: „Läßt du mir nichts zurück?“
Er sagt: „Den Kleinen, der dort schreit,
Den laß ich dir – aus Dankbarkeit.“

Wird man Major in der Armee,
dann heißt ’s oft: „Lebe wohl! Ade!
Weil du jetzt überflüssig schienst,
drum heißt: a.D. stets: außer Dienst.“
Doch er denkt voll Ergebenheit:
„a-D., das heißt: – aus Dankbarkeit.“

Der Russe ist als Freund kurios.
Er reizt sogar oft den Franzos.
Doch der beseitigt den Verdruss
von neuem stets, – dann sagt der Russ‘:
„Gut, unser Bündnis wird erneut“ –
und pumpt ihn an – aus Dankbarkeit.

Mein Freund war Metzger manches Jahr.
Als nun sein Ende nahe war,
Sprach er: „Du warst stets lieb zu mir –
Drum sag‘ ich dir – und zwar nur dir,
dem besten Freunde weit und breit:
Iß niemals Wurst – aus Dankbarkeit.“

Ein Gauner, heißt es – stahl ’ne Uhr.
Doch sein Verteid’ger tat ’nen Schwur:
„Der Mann – kein Engel ist so rein!“
Man spricht ihn frei. – Als sie allein,
da winkt der Gauner ihn beiseit‘,
schenkt ihm die Uhr – aus Dankbarkeit.

’ne alte Jungfer schläft allein,
Da schleicht ein Dieb ins ZIMMER rein.
Er stiehlt ihr alles – sie erwacht, ­
Er, schnell entschlossen, liebentfacht,
gibt ihr ’nen Kuß – und sie verzeiht
den Diebstahl ihm – aus Dankbarkeit.

’ne Schwiegermutter lange schon
ist zu Besuch beim Schwiegersohn.
Da fällt sie bei ’ner Kahnpartie
ins Wasser rein – er rettet sie.
Da sagt die edle FRAU erfreut:
„Heut‘ reis‘ ich ab – aus Dankbarkeit.“

Zur Wehrvorlage Mann für Mann
gab jeder sein Vermögen an.
Auch wer’s verschwiegen manches Jahr –
und weil jetzt jeder ehrlich war,
drum brachte uns der Staat erfreut
die Zuwachssteuer – aus Dankbarkeit.

Steht auf dem Hof ein Leiermann –
spielt, daß es einen jammern kann.
Doch trotzdem schenkt ihm jeder was –
und als ’ne Mark in seiner Kass‘,
Da sagt der „Künstler“ hocherfreut:
„Nu hör‘ ick auf – aus Dankbarkeit.“

Auch ich mach’s wie der Leiermann –
ich nehm‘ zwar keine Gelder an.
Doch bitt‘ ich alle hier im Haus,
wenn’s Ihn’n auch schwerfällt, um Applaus.
Dann werden Sie von mir befreit,
Dann mach‘ ich Schluß – aus Dankbarkeit!

Otto Reutter

Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
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