Ach, was sind wir doch für liebe Leute.

Wer Geld hat hier im deutschen Land,
Geht viel auf Reisen, wie bekannt
Er fährt nach London und Paris,
Italien ist ein Paradies.
Sehr schön ist’s in der freien Schweiz,
Kurz, jedes fremde Land hat Reiz,
Doch, dass auch Deutschland wunderschön,
Woll’n wir nicht eingestehn.
Ach, was sind wir doch für liebe Leute —
Uns’re Blicke schweifen stets in’s Weite,
So kommt’s, dass uns die Heimat
Nur wenig intressiert,
Weil uns gerad‘ das Fremde
Am meisten imponiert.

Wenn wir was kaufen, nehmen wir
Vor allem das, was nicht von hier:
Die Schuhe aus Amerika.
Für Confektion ist England da,
Paris bringt Damenkleider an,
Die Spitzen komm’n aus Brüssel dann
Und uns’re deutsche Industrie
Heisst: Made in Germany.
Ach, was sind wir doch für liebe Leute,
Heisst es: Gemacht in Deutschland,
Dann schieben wir’s bei Seite:
Doch heisst es: Made in Germany,
Dann imponiert’s uns sehr,
Dann denk’n wir, ’s kommt aus Engeland,
Dann zahl’n wir gerne mehr!

Die deutsche Sprache preisen wir
Mit Recht — und dennoch holen wir
Aus Frankreich manches fremde Wort
Und pflanzen’s hier in Deutschland fort.
Ach, fast in jedem deutschen Satz
Nimmt ein französ’scher Brocken Platz.
Macht’s der Franzose umgekehrt?
Das hab‘ ich nie gehört
Ach, was sind wir doch für liebe Leute,
Kommt ‚mal ein Franzos‘ nach Deutschland heute,
Dann ruft er: Ah! très bien,
Das hab‘ ich fein erwischt,
Le Prussien parle français
Mit etwas deutsch vermischt!

Aus Frankreich kam Yvette Guilbert
Mit vierzig Jahren zu uns her.
Die Judic war noch älter gar —
Der Coquelin beinah‘ sechzig Jahr.
Die „Sarah“ ist die Ält’ste schier,
Doch das macht nichts, gern geben wir
Für eine Kunst, die halb passée
Noch zwanzig Mark Entrée.
Ach, was sind wir doch für liebe Leute,
Höflichkeit ist uns’re schwache Seite.
Wenn irgend ’ne Ruine
Daheim nicht mehr in Flor,
Dann spielt sie uns als Grossmama
Die Backfischrollen vor!

Drei Buren waren in Berlin,
Da haben wir Hurrah! geschrie’n.
Jedoch wir riefen’s nicht so laut,
Wir haben uns nicht recht getraut.
Wir schielten mit beklomm’nen Sinn
Mit einem Aug‘ nach England hin,
Hab’n unterthänigst uns gefragt,
Was England dazu sagt.
Ach, was sind wir doeh für liebe Leute,
Ja, sehr viel hat sich verändert heute.
„Wir fürchten Gott, sonst Niemand!“
Sprach einst ein grosser Held.
Jetzt heisst’s: „Wir fürchten Engeland,
Sonst nichts auf dieser Welt!“

Otto Reutter

Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
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