Aber keiner fängt an!

Oft steh‘ ich hier auf der Bühne und sing‘ ein Couplet –
und niemand will applaudieren, das tut einem weh.
Macht einer mal den Anfang, dann löst sich der Bann.
Aber keiner fängt an, aber keiner fängt an.

Es stellt sich der Herr Dresseur vor die Menagerie –
Und sagt: „Seh’n Sie diesen Löwen? – Komm’n Sie rein zu dem Vieh!
Ich zahl hundert Mark dem Ersten – nun komm’n Sie mal ‚ran!“
Aber keiner fängt an, aber keiner fängt an.

Man kann sehr oft in der Kneipe die Stammgäste seh’n.
„Nun woll’n wir aber gehen“, sagen sie abends um zehn.
Halb elf schlägt die Uhr, ’s wird elfe, ’s rückt Mitternacht ran,
Aber keiner fängt an, aber keiner fängt an.

Es kauften zwei Eheleute in ’ne Versich`rung sich ein,
Wenn einer mal sollte sterben, erbt der and’re allein.
Jetzt wartet er auf die Frau und sie wart’t auf den Mann –
Aber keiner fängt an, aber keiner fängt an.

Es war für Zeppelin die Begeisterung groß.
Nun denkt der Finanzminister: Es wär doch famos,
man zahlt für die neuen Steuern jetzt auch, was man kann.
Aber keiner fängt an, aber keiner fängt an.

Im Sommer sind an der Ostsee oft „unsere Leut“,
„Das Baden,“ so sag’n sie, „ist uns’re einzige Freud‘.“
Sie bleiben sechs Wochen dort, geh’n ans Familienbad ran –
Aber keiner fängt an, aber keiner fängt an.

Man sieht oft viel‘ feine Damen im Schwurgerichtssaal.
So war’s bei einer heiklen Sache auch jüngst wieder mal.
„Die anständigen Dam’n müssen jetzt raus“, hieß es dann –
Aber keine fing an, aber keine fing an.

Man trägt in Paris jetzt Kleider, geschlitzt bis zum Knie.
Verehrteste deutsche Damen, das wär was für Sie.
Zeigt eine erst mal die Waden, dann g’wöhnt man sich dran.
Aber keine fängt ein, aber keine fängt ein.

In Frankreich hat jeder höchstens zwei Kinder – nicht mehr –
die Einwohner geh’n zurück und das ist ein Malheur.
Nun heißt es: „Vermehret euch! Denn wir steh’n hinten an!“
Aber keiner fängt an, aber keiner fängt an.

Zwischen Deutschland und zwischen England gibt’s oft Schererei –
baut der eine mal ein Schiff, baut der andere zwei .
„Jetzt rüsten wir aber ab,“ sagen beide als dann.
Aber keiner fängt ein, aber keiner fängt an.

Herr Bülow, der behandelt die Lib’ralen nicht gut.
„Wir sprechen uns im Reichstag“, sagt der Freisinn voll Wut.
Im Reichstag sagt dann der eine zum anderen: „Geh‘ ran!“
Aber keiner fängt an, aber keiner fängt an

’ne Steuer für Junggesellen war in Vorschlag gebracht.
Nun freu’n sich die led’gen Mädchen und haben gedacht:
„Jetzt heiraten alle Männer, wir kriegen ’nen Mann!“
Aber keiner fängt an, aber keiner fängt an.

Es sitzt ein Sekundaner mit ’nem Backfisch allein,
da schleicht sich die erste Liebe in ihre Herzen hinein.
Bekäme ich nur ein Küsschen, denk’n beide sich dann –
aber keiner fängt an, aber keiner fängt an.

Der Sultan, der führte kürzlich die Verfassung erst ein.
Nun sind seine Haremdam’n mit den Eunuchen allein.
„Nun seid Ihr doch mal recht nett!“ sag’n die Damen als dann.
Aber keiner fängt an, aber keiner fängt an.

Es pred’gen die Sozialisten seit ewiger Zeit
Von Freiheit, von Gleichheit und von Brüderlichkeit.
„Wir teil’n unser ganzes Geld“, sag’n sie alle als dann –
aber keiner fängt an, aber keiner fängt an.

Ein junges, schmuckes Ehepärchen hat am Tag oft Streit.
Doch abends, da wären beide zur Versöhnung bereit.
Dann guckt der Mann auf die Frau und die Frau auf den Mann,
Aber keiner fängt an, aber keiner fängt an.

Im Ausland, da heißt es auf: „Bald geht Deutschland zu Grund‘
Weg’n dem englischen, dem französischen und dem russischen Bund.“
Nun steht Michel ganz allein und denkt: „Kommt mal ran!“
Aber keiner fängt an, aber keiner fängt an.

Otto Reutter

Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
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