Immer korrekt!

Immer korrekt – das macht Effekt –
denn davor haben die Leute Respekt!
Jawohl, „korrekt“ – merkt jeder sofort –
Das ist kein deutsches, ist’n preußisches Wort!
Das ist der Kern, der im Preußen drin steckt –
Immer korrekt – immer korrekt!

Immer korrekt – der Sinn von dem Wort
erfaßt auch die niedere Klasse sofort.
Zum Beispiel ’n Maurer, wenn’s zwölfe schlägt –
wenn der grad’ ’nen Stein die Leiter raufträgt –
da läßt er’n doch fall’n – und wenn einer verreckt –
Immer korrekt – immer korrekt!

Wenn du mal irgendwas Unrechtes wagst,
geht’s nach dem Gesetzbuch – da wirst du verknackst.
Doch das Gesetzbuch – ist bürgerlich –
Adel hat’s besser – braucht so was nicht –
Adel hat selbst seine Grenzen gesteckt.
Immer korrekt – immer korrekt!

Die Herrn Agrarier – riefen jüngst aus:
„Aus Erbschaftssteuer – wird doch nichts draus –
stört den Familiensinn – macht kein Pläsier.
Aber sonst zahl’n mir grad‘ so wie ihr.
Ihr zahlt für den Schnaps – wir besteuern den Sekt.“
Immer korrekt – immer korrekt!

Schreibe recht wenig – denk‘ lieber viel –
denn mit dem Schreib’n schießt man leicht übers Ziel. –
Ein Bürgermeister – Schücking, so heißt er –
der schrieb auch kürzlich ’nen kräftigen Stil.
Jetzt hab’n sie ’n beinah ins Gefängnis gesteckt,
Immer korrekt – immer korrekt!

So ’n Kavalier – hat viel Pläsier –
hat erst ein Verhältnis – drei Jahr oder vier –
nimmt dann ’ne Frau – nicht schön, aber hier! (Pantomime des Geld zählens)
Sagt zum Verhältnis: „Nun drück‘ dich von mir.
Hier sind zehntausend Emm, nun halt dich versteckt.“
Immer korrekt – immer korrekt!

Manch eine Frau – nimmt’s nicht genau,
schafft sich noch an – ’nen anderen Mann.
Merkt dass ihr Mann, dann fordert er schnell
Satisfaktion – dann gibt’s ein Duell.
Oft wird der Gatte zu Boden gestreckt.
Immer korrekt – immer korrekt!

Mancher Minister – morgens noch frisch –
nachmittags liest er – am Kaffetisch:
„Minister so und so – plötzlich erkrankt –
bat um Entlassung.“ – „Was?“ ruft er und schwankt,
„Jetzt bin ich krank – hab’s noch gar nicht entdeckt.“
Immer korrekt – immer korrekt!

Schickt man zum Reichstag – ’ne Petition –
geht Sie vom Plenum – zur Kommission –
geht durch die ganzen – vielen Instanzen –
schläft schließlich ein und man hört nichts davon.
Nach zehn Jahr’n kommt sie wieder mit dem selben Effekt –
Immer korrekt – immer korrekt!

Manche Ruine – ist zwar sehr nett –
auch sehr romantisch – doch nicht ganz komplett –
so ’ne Ruine – ist ruiniert –
muss doch ganz neu sein – wird restauriert –
ein Architekt ergänzt den Defekt –
Immer korrekt – immer korrekt!

War in Italien – war gar nicht schön –
habe dort manches Denkmal geseh’n –
Stehn so vereinzelt – eins immer nur.
Aber bei uns stehn Sie wie an der Schnur.
Brust raus – das rechte Bein vorwärts gestreckt –
Immer korrekt – immer korrekt!

Heinrich Heine – er war ein Mann –
konnt‘ etwas dichten – aber sonst war nichts dran.
Man muss vor dem Mann sich ja schließlich genier’n –
Heine kann ruhig bei Campe kampier’n. –
In Hamburg, da hab’n Sie sein Denkmal versteckt –
Immer korrekt – immer korrekt!

Paery und Cook kam’n am Nordpol an –
Glaub’ ich nicht – Preußen geht immer voran.
Amerika vorne – wär’ ja fatal –
na, und wenn es so wäre, wär’s auch noch egal –
dann wird der Nordpol von Preußen nochmal entdeckt!
Immer korrekt – immer korrekt!

Bei ’ner Parade – das ist doch wahr –
da ist der Himmel in Preußen stets klar. –
Doch komm’n zum Beispiel – am 1. Mai –
die Sozialisten zur Feier herbei,
da bleibt der Himmel in Preußen bedeckt –
Immer korrekt – immer korrekt!

Der Zeppelin – kürzlich erschien –
kam nur nicht zur rechten Zeit nach Berlin. –
Als ich ihn traf, sagt‘ ich: „Herr Graf,
Machen ja sonst Ihre Sache ganz brav –
Aber Sie komm’n immer zu spät – das macht kein’n Effekt –
Immer korrekt – immer korrekt!

Frau Referendar – kriegt jedes Jahr –
immer ein Kind und die nämliche Zeit –
nicht auf die Stunde – nicht auf den Tag –
das ginge ja schließlich etwas zu weit –
aber – man sieht doch den Kern, der im Preußen drin steckt –
Immer korrekt – immer korrekt!

Eisenbahn-Speisewag’n sind jetzt sehr fein –
Erster und zweiter, die speisen allein. –
In dritter Klasse – sitzt niedere Rasse –
die komm’n erst später zur Fütterung ‚rein –
Die krieg’n unsern Rest – soll’n sie seh’n, wie er schmeckt –
Immer korrekt – immer korrekt!

Otto Reutter

Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
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