Kinder, seid gemütlich…

Ein eifersücht’ges Ehepaar,
bei dem ich jüngst zum Kaffee war,
stritt sich ganz fürchterlich.
Die Frau nahm einen Tassentopf,
warf ihn im Gatten an den Kopf,
er revanchierte sich,
Skandal! – Fatal! –
Das Porzellan, das ging entzwei.
Ich bracht‘ die Leute von einand‘
und sang das Lied dabei:
„Kinder seid gemütlich,
macht doch keinen Streit –
einigt euch doch gütlich,
lebt in Friedlichkeit,
schont doch eure Tassen
bei der Rauferei –
oder nehmt Emaille, denn
das kriegt ihr nicht entzwei!“

In einem Sittlichkeit-Verein
Fing jüngst ein Mitglied an zu schrei’n:
„Ich hab die Gräuel satt!
’s gibt Schriften schlecht und liederlich,
die Münchner „Jugend“ namentlich
ist ein infames Blatt.
Dies Blatt – es hat
viel Unheil in die Welt gespien.“ –
Hätt‘ ich die Rede angehört,
dann hätt‘ ich laut geschrien:
„Kinder seid gemütlich,
macht doch keinen Streit.
Seit nicht gar so sittlich –
kommt damit nicht weit.
Eure ganze Tugend
ist der pure Neid.
Ihr schimpft auf die „Jugend“ weil
ihr alt geworden seid.“

Norwegen ging vom Schwedenland.
Als dies in Ungarn ward bekannt,
rief jeder Ungar gleich:
„Was in Norwegen ist der Brauch,
kann selbstverständlich Ungarn auch.
Ich pfeif‘ auf Österreich.“
Man brüllt – jetzt wild:
„’nen eignen König woll’n wir gern!“
Wenn ich ein Ungar wär, sagte
ich zu diesen Herr:
„Kinder, seid gemütlich,
macht doch keinen Streit!
Ist sich unterschiedlich,
wenn ihr euch entzweit.
Niemand wird euch helfen –
steht alleine da
mit der ganzen Schweinespeck
und mit das Paprika!“

Im fernen Süd-West-Afrika
steh’n uns’re Truppen lange da.
2 Jahre schon sind sie drin.
Der Trotha hatte ’s große Wort.
Drum schickte man ihn kürzlich fort.
Jetzt kam ein anderer hin.
Ich dächt‘, – ’s wär recht,
wenn man mal jemand rüber bringt,
der sanft und milde zu den Wilden
wie so’n Vater singt:
„Kinder seid gemütlich,
macht doch keinen Streit,
euer Blut wallt südlich,
weil ihr Schwarze seid.
Wir sind weiß, doch wartet –
’s ändert sich geschwind,
denn ihr ärgert uns noch, bis
wir schwarz geworden sind.“

Die Sozialisten unter sich
und manchmal gar nicht brüderlich.
Sie streiten hin und her
der Mehring greift den Bebel an.
Der Bebel sagt zum Mehring dann:
„Du bist zu ordinär!“
So geht’s – nun stets.
Sie lassen nie das Streiten sein.
Der Vollmar, der vernünftig ist,
der singt jahraus, jahrein:
„Kinder, seid gemütlich,
macht doch keinen Streit.
Seit nach außen friedlich,
weil ihr Brüder seid.
Wenn ihr euch begegnet,
dann sagt: „Gott sei Dank!“
Heimlich könnt ihr Denken: „Ach!
Rutsch mir’n Buckel lang!“

Jetzt herrscht ’ne allgemeine Not,
durch die infame Schweinenot
Kommt mancher auf den Hund.
Das Fleisch, das ist jetzt riesig knapp,
die Leute magern alle ab,
mir fehl’n schon 20 Pfund.
Man schreit – zur Zeit:
„Die Fleischnot bringt uns großes Weh.“
Herr Podbielski aber singt
des abends beim Souper:
„Kinder, seid gemütlich,
macht doch keinen Streit.
Fleisch, sehr appetitlich –
gibt’s noch weit und breit.“
Doch zum Podbielski
sagen alle dann:
„Dir mit deinem Bauch sieht man
die Fleischnot auch nicht an.“

Das allbeliebte Engeland,
das hat ’ne ganze Menge Land
und Wasser noch viel mehr.
John Bull möcht stets der Erste sein.
Jüngst kam er in die Ostsee rein
und fuhr dort hin und her.
Er war – ’s ist klar –
zum spionier’n an diesem Ort.
Dürft‘ ich mal reden, sagt ich
zu den Engeländern dort:
„Kinder, seid gemütlich,
sucht doch keinen Streit.
So’n Manöver zieht nich,
macht euch nicht so breit.
Badet hübsch zu Haus in
eurem Wasser drin.
Schert euch aus der Ostsee raus
und schifft wo anders hin.“

Otto Reutter

Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
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