Die versunkene Glocke…

Die Männer von der Feder
sind oft recht unbekannt –
doch einen kennt wohl jeder
im ganzen deutschen Land.
An seine Werke glaubt man,
man kennt sie ganz genau;
der Mann heißt Gerhard Hauptmann
und wohnt in Schreiberhau.
Ja, dieser Hauptmann war nie bei der Infanterie,
er ist kein Hauptmann von der Artillerie. –
Er ist ein Hauptmann von dem Bataillon „Genie“,
denn, was er schreibt, klingt voller Poesie.
Drum ein Hoch dem Gerhard Hauptmann!
Dass er der Schiller wird, das glaubt man –
nächstens kriegt der Hauptmann einen großen Orden –
dann denkt Hauptmann gleich, er ist Major geworden,
von allen seinen Werken
muss man besonders die
versunkene Glocke merken,
ein Werk voll Poesie.
Man gab mit vielen Glücke
dies Werk an jeden Ort –
den Inhalt von dem Stücke
erzähl ich jetzt sofort:
Ein Mädchen jung und fein,
genannt Rautendelein
das wohnte wie bekannt
auf hohen Bergesrand.
Bei einem alten Weib
war sie zum Zeitvertreib.
Des Morgens ging sie aus,
des Nachts kam sie nach Haus
auf dem Berge war es schön
allerlei gab’s da zu sehen,
auch der Waldschratt, dieser Bock,
hüpfte über Stein und Stock;
eines Tages kam Nickelmann,
sah Rautendelein sich an. –
Sie froh zu ihm: „wo kommst du denn her!“
Voller Wehmut sagte er:
„Am Wasser, am Wasser, am Wasser bin ich zu Haus!
Komm schon 5000 Jahre nicht aus dem Brunnen raus!
Drum leiste mir Gesellschaft,
komm mit mir, kekerez“,
da sprach zu ihm Rautendelein:
„Dass tu ich keineswegs!
Mein Herz, das ist ein Bienenhaus“,
sprach sie; doch er sprach: „Übe Schonung.
Im tiefen Brunnen sitzt ich hier – komm mit in meine feuchte Wohnung!
„Da oben auf dem Berge „, sprach Rautendelein,
„da sitzen die Zwerge, nur dort will ich sein!
Dann lassen die Elfen ihr Liedlein erschall’n –
nur dort will ich helfen als schönste von All’n!“
Da hat sie mal an einem Tag
’nen jungen Mann gesehen,
’nen Glockengießer, Heinrich hieß er,
der war wunderschön;
er lag gerad vor ihrer Hütt
und weinte bitterlich –
da hatte sie viel Mitleid mit
dem sanften Heinerich.
Nun sprach der Heinerich:
„Hier lieg‘ ich auf der Höh‘,
doch meine Glocke liegt im tiefen See;
oh! Du himmelblauer See,
unten die Glocke kommt nicht in die Höh‘,
sie sprach:“ lass dich’s nicht verdrießen,
lieber Heinerich, lieber Heinerich,
kannst ne neue Glocke gießen
und ich helf‘ dir dabei!“
„Ein mein Leid ist nun dahinnen,“
sprach der Heinerich, sprach der Heinerich,
„Wohl, nun kann der beginnen!“
Und dann sangen alle zwei:
„Na so woll’n wir noch ’nmal, woll’n wir noch ’nmal.
Hopsasasa!
Giessen die Glocke,
Jubelrasasa!“

Wo er war, der Heinerich,
sah man sie auch sicherlich;
er ging runter in das Tal –
sie folgt ihm voll Herzensqual –
als sie endlich kam nach Haus,
rief die alte Tante aus:
„wo wirst du gewesen sein?“
Da sprach Rautendelein:
„Ach! Du liebe Tante du kannst lachen,“
sagte sie mit pfiffigen Gesicht –
„was Sie da mir für Zicken machen
unten in dem Tal, du ahnst es nicht!“
Auf der grünen Wiese
baut er ne Werkstatt sich.
„Giesse Heinrich, giesse!“
Sprach sie zum Heinerich.
„Von der Stirne heiß
Rinnen muss der Schweiß!
Giesse zu mit Fleiß –
du kriegst den ersten Preis!“
Im Wald und auf der Heide
sah man sie alle beide –
doch oft mit trüben Sinn
schaut er nach unten hin,
„es liegt eine Glocke im tiefsten See,
ihr Leuten bedeutet mir tiefes weh!“

Und eines Tags ging’s Tingelingeling!
Von unten tönts herauf –
die Glocke machte Klingelingeling!
Da hört doch alles auf!
Der Heinrich sprach: „zum Tingelingeling!
Ich muss von dannen gehen“ –
damit verschwand der Jüngelingeling
und ward nicht mehr gesehen.
Nun war Rautendelein
allein in ihrer Pein –
jedoch sie sagte sich:
„nur halb freut sich der Mensch allein!“
Und hierauf dachte sie dann
an ihren Nickelmann –
Sie ging zur Tante hin
und sagte:“ für mich an!
Weißt du Mutterl, was ich träumt hab?
Ich hab zum Brunnen rein gesehen –
da sitzt der Mann, den ich versäumt hab –
zum Nickelmann möcht ich jetzt gehn!“
Da sprach die alte Tante:
„Dein Plan ist grandios!
Der Alte sitzt im Wasser
und hat die Hand voll Moos.“
Und richtig voller Freuden
schlug ein der Nickelmann
doch vorher sprach Rautendelein:
„Hört mein Geständniss an!
Ich hatt einen Kameraden
mit Namen Heinerich –
von ihm ließ ich mich küssen,
du sollst es vorher wissen!“
Sie sagt ihm was ins Ohr –
doch er spricht voll Humor:
„Schad’t nichts, macht nichts, ist mir einerlei!
Glücklich ist, wer vergisst
was einmal nicht zu ändern ist.
Nun kam der alte Nickelmann –
Kekerez, kekerez,
und juckte sich beim Wickel dann –
Kekedi, kekedirez!
Die Tante sah zum Brunnen rein
hinunter auf Rautendelein.
„Da sieht man“, sagte sie voll List,
„wie tief du jetzt gesunken bist!“
Verheirat’t ist die holde Maid – –
Jumheidi, jumheida,
es war aber auch die höchste Zeit!
Jumheidiheida!
In einem kühlen Grunde
sind Sie im Brunnenloch –
und wenn sie nicht gestorben sind,
dann leben sie heute noch.

Otto Reutter

Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
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