Die Orientreise…

Strömt herbei, ihr Völkerschaaren!
Zieht zum Orient hinein!
Denn nach Palästina fahren
Jung und Alt und Groß und Klein
selbst der Kaiser, wie Sie wissen,
zog nach Palästina hin
und ich durfte ihn begrüßen,
weil ich dort der Sultan bin.
Jawohl, hier sehen Sie frank und frei
den berühmtesten Mann der Türkei!
Bin Sultan Abdul Hamid!
Genug gesagt ich wohl damit –
man nannte mich stets den kranken Mann –
doch das sieht mir jetzt keiner mehr an!
Eisig nun erfuhr, dass der Kaiser naht,
da hab ich befohlen in meinem Staat:
„die Häuser gesäubert, die Straßen gefegt!
Der Ölberg, der wird mit Asphalt belegt –
macht alles schnell bereit!
Soldaten kriegen neue Uniformen an
und Schwarz-weiß-rot an den Gürtel dran.
Ich selbst hab mein neustes Kostüm benutzt –
ich hab mir sogar meinen Halbmond geputzt“–

’s war auch die höchste Zeit!
20.000 Polizisten
standen vor dem goldenen Horn,
prüfen alle Fremdenlisten,
nehmen jeden scharf aufs Korn.
(jüdelnd) Bitte geh’n Sie so harem –
da geht’s nach Jerusalem –
gehen sie nur nicht da rem!
Da kommen’n Sie in den Harem!
Der Harem ist meine,
Jau, Jau, Jau, Jau, Jau, Jau
in den Harem kommt mir niemand rein!
(Gesprochen) gibt’s ja gar nicht!
Doch sie haben es wohl gesehen-
Deutschlands hohe Kaiserin
ist im Harem drin gewesen,
da, wo ich der Herrscher bin!
Doch vorher ging ich selbst hinein
und sprach zu all den Mägdelein:
„Putzt euch, wascht euch und frisiert euch,
seit recht sittsam und geniert euch,
kommt nicht zärtlich an mich ran,
zieht euch die weißen Kleider an!
Stellt euch hübsch in einer Reihe,
vier und vier und zwei und zwei,
die jungen vor der Kaiserin,
die alten hier nach hinten hin!“
Elegant und graziöse
führt ich nun die Damen hin –
dann tanzten wir ne Polonaise
vor der deutschen Kaiserin. –
„Glücklich bin ich, dass Sie kamen!“
Sagte ich zu ihr nach dem Tanze –
„Seh’n Sie, das sind meine Damen
und ich – ich bin der Mann von’s Janze!“
Doch genug jetzt – den Scherz nun beiseite!
Deutschlands Kaiser, ich reich dir die Hand, –
unter festlichem Glockengeläute
zog er ein in das Heilige Land.
Nun putzt den ganzen Orient
so nagelneu und so Patent,
dass ihn kein Mensch mehr wieder erkennt –
macht alles blank und fein!
Trompeter kommt in vollsten Glanz –
zum Ruhm des Deutschen Vaterlands
blast erst „Heil dir im Siegerkranz“
und dann „Die Wacht am Rhein“!

Was blasen die Trompeten?
Der Kaiser kommt herein, –
ich bitte einzutreten,
sollst mir willkommen sein!
Ich sprach zu meinem Volke:
„nun feiert mir sogleich,
Gebt aus so viel ihr wollt,
denn ich bezahle gern für euch!“
Zum Schlusse hat man mir dann
die Rechnung zugestellt.
Ach, was ich für mein Volk bezahlt
das kost’t’ne Menge Geld.
Deutschland, Deutschland über alles!
Festlich prangt der Orient!
Hier steh ich mit meinem Dalles,
wenn ich nur bezahlen könnt!
Oh! Ihr Propheten
schickt mir Moneten,
Alles muss klappen –
ich muss berappen –
Allah Il Allah –
Alles ist Alla.
Doch das ist mir alles gleich!
Ich mach mir gar nichts draus –
ist der Sultan auch nicht reich,
er lebt in Saus und Braus –
Meine Freunde, glaubt es mir,
sind hübsche Mägdelein’s –
darum geh ich voll Pläsier
in den Harem rein!
Das kommt von der Liebe
für’s weibliche Geschlecht,
mancher hat nur eine
und kommt damit nicht zurecht!
Geh zum Harem ich hinein.
Freut sich jedes Mägdelein,
eine steckt mir galant,
Meine Pfeife in Brand,
eine andere im Trab
schnallt den Säbel mir ab,
’s ist famos, ich denk bloß:
Wie Gott will, ich halt still!
Eine sagt: Komm zu mir!
Eine sagt: Bleibe hier!
Eine dreht mir den Bart, –
Eine streichelt mir zart –
Eine küsst mich galant –
Eine setzt sich gewandt
Auf den Schoß, ich denk bloß:
Wie Gott will, ich halt still!
Ich kess, ich küsse, ich scherze
und wenn mein Eunuche das sieht,
da wird ihm so eigen ums Herze,
er singt das herrliche Lied:
„Ach! Könnt ich noch einmal so lieben,
wie damals im Monat Mai,
die Sehnsucht allein ist geblieben,
die herrliche Zeit ist vorbei!“
Sie sehen so ein Sultan ist glücklich genug!
Ja! Ja!
Mein höchstes Glück war der Kaiserbesuch!
Ja! Ja!
Doch der Kaiser, der fuhr ja jetzt wieder nach Haus,
nun ist’s mit dem Fest auf dem Orient aus,
ja, jetzt bin ich wieder allein,
und geh in den Harem hinein.
Mein Hauptpläsir
ist der Harem hier,
da ist’s famos –
da ist was los –
viele Mägdelein
sauber und fein,
von fern und nah
S’ist alles da:
ich lad Sie ein:
kommen Sie auch mal rein!
`s ist ein feines Haus
da wollen Sie nicht mehr raus!
Jetzt ist es aus!
Ich muss jetzt geh’n –
bleib nicht mehr steh’n –
auf Wiederseh’n!

Otto Reutter

Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
Dieser Beitrag wurde unter Gedichte abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Die Orientreise…

  1. giselzitrone schreibt:

    Schön liebe Grüße und einen schönen Tag.Gislinde

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s