Mutter Erde…

Ich bin die Welt, bin Mutter Erde,
bin eine alte, alte Frau,
bin viele hunderttausend Jahre,
doch ich verrat das nicht genau.
Oft hab‘ die Frage ich vernommen:
Wie lange ist die Welt schon hier?
Wann ist die Welt zur Welt gekommen?
Das heißt: Wann kam ich einst zu mir.
Fragt man: wie alt? Sag ich mit Ächzen
leis‘: „1900“ und betont die „19“.
Bin heut‘ noch herrlich anzuseh’n!
Man sagt noch heut: „Die Welt ist schön!“
Schon viele, viele Jahr‘,
blieb ich so, wie ich war.
Und dreh‘ mich leise in alter Weise,
hatt‘ nur zwei Kleider anzuzieh’n,
im Winter weiß – im Sommer grün!
Jetzt ward – gut Trauer – ich immer grauer,
hab‘ mir ein and’res Kleid bestellt.
Denn feldgrau ist die ganze Welt!

Die Menschen sind kuriose Leute,
Sie sagen oft, die Welt sei schlecht.
Doch wie ich war, bin ich noch heute –
die Menschen nur sind ungerecht:
denn was ich bin und hab‘ und werde,
geb‘ ich für meine Kinder her.
Ach, Raum für alle hat die Erde,
was macht ihr euch die Erde schwer?
Stadt voller Dank mich zu begrüßen –
da tretet ihr die Erde – mich – mit Füßen!
Ich denke: Tut, was euch gefällt,
denn Undank ist der Lohn der Welt.
St. ihr euch alle noch?
Ich lieb‘ euch alle doch.
Und dreh‘ mich leise in alter Weise,
wie oft schon ward verlästert ich –
und dennoch – heimlich liebt man mich!
Die Menschen alle – auf meinem Balle
woll’n gar nicht wieder runtergeh’n –
Sie sag’n, auf mir wär’s wunderschön!

Eins schämt ich mich, mich ganz zu zeigen –
nur eine Hälfte war in Sicht.
Columbus fand die hint’re Hälfte –
die bess’re Hälfte war das nicht.
Fürs Haupt der Erde hält sich England,
es möcht‘ Gebieten allerwärts!
Die andern Länder hält’s für Glieder –
doch ich glaub – Deutschland ist das Herz –!
Ja, dieses Herz, viel Schmerz verträgt es,
doch regt das Herz sich auf, – dann klopft’s – dann schlägt es,
dann steht das Herz nicht still – es spricht;
ihr kennt das Herz noch lange nicht! – – –
Ich seh‘ nur Kampf rings um –
frag‘ traurig mich: „Warum?“
Und dreh‘ mich leise in alter Weise.
Was kürzt ihr euer Erdenlos?
Kommt viel zu früh in meinen Schoß,
könnt‘ all‘ auf Erden – so glücklich werden –
doch jeder, der auf mir erschien,
der glaubt, ich dreh‘ mich nur um ihn.

So zieh‘ ich leise meine Kreise,
nur ihm gehorchen, der mich schuf.
Doch manchmal kocht’s in meinem Innern,
fern in Italien – im Vesuv –
den Treubruch dort – ’s ist ungeheuer gedankt Strich
hab ich – die Welt – noch nicht erlebt!
Da kochte ich, da spie ich Feuer,
da sagte man: „Die Erde bebt!“
Ja, bei Italien’s Tun und Treiben
fiel’s mir, der Erde, schwer, neutral zu bleiben.
Du Böses Kind, dacht‘ ich voll Pein,
du bist zu schön, um treu zu sein! – – –
Nun harr‘ auf Frieden ich.
Kommt er, dann freu‘ ich mich.
Und dreh‘ mich leise in alter Weise,
dann zieh‘ ich aus mein Kleid so grau,
dann komm‘ ich als verjüngte Frau
im Friedenskleide – aus weißer Seide
und jedermann wird eingesteh’n:
Noch niemals war die Welt so schön! –

Otto Reutter

Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
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3 Antworten zu Mutter Erde…

  1. keinbisschenleise schreibt:

    „Stadt voller Dank mich zu begrüßen –
    da tretet ihr die Erde – mich – mit Füßen!“…

    welch ein Satz !!!

    Ein Gedicht, dass mehr als nur zum Nachdenken anregt.

    Klasse liebe Gabriele und danke für’s veröffentlichen.

    Herzliebe Grüsse
    Uschi ❤

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  2. giselzitrone schreibt:

    Wünsche dir einen guten Dienstag wieder ein schönes Gedicht.Liebe Grüße Gislinde

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