Es saßen sechs Männer beim perlenden Wein…

Es saßen sechs Männer beim perlenden Wein,
die füllten vom Faß ihre Becher,
„Wie kurz ist das Leben, könnt’s länger nicht sein?“
seufzt einer der wackeren Zecher.
„Hast recht“ schrien die andren, „so denken auch wir,
zu kurz ist die Freude, die Wonne.“ – – –
Da schwebte ein Engel herein zu der Tür
und setzte sich keck auf die Tonne.
Er sagte: „Ich hab‘ euer Klagen gehört,
wie lang wollt ihr leben? Es sei gewährt!“

Nun sagte der Erste: „O, hätte ich Zeit,
bis endlich nach endlosen Streite
die Völker sich einen, bis alles gedeiht –
und grob nur alleine macht Pleite.“
Da sagte der Engel; „Dein Wunsch sei erhört,
doch weiß ich wohl etwas, das länger währt.“

Nun sagte der Zweite: „O, bliebe ich,
bis dass uns der Zukunft-Staat näh’r ist,
bis Deutschland ’ne riesige GmbH
und jeder ein Aktionär ist.“
Da sagte der Engel; „Dein Wunsch sei erhört,
doch weiß ich wohl etwas, das länger währt.“

Nun sagte der Dritte: „O, gönn‘ mir die Frist,
bis man mit den Steuern uns Ruh‘ gibt,
bis jeder in Deutschland ganz steuerfrei ist
und bis uns der Staat noch was zu gibt.“
Da sagte der Engel; „Dein Wunsch sei erhört,
doch weiß ich wohl etwas, das länger währt.“

Der vierte sprach: „Lebt‘ ich, bis Jude und Christ
ein inniges Bündnis vereine –
und bis vor dem Schloss in Berlin uns begrüßt
das Denkmal von Heinrich Heine.“
Da sagte der Engel; „Dein Wunsch sei erhört,
doch weiß ich wohl etwas, das länger währt.“

Nun sagte der Fünfte: „Auf Dich will ich bau’n,
o lebt ich, denn ich bin ein Kenner –
so lange, bis alle verheirat’ten Frau’n,
so brav sind und treu – wie die Männer.“
Da sagte der Engel; „Dein Wunsch sei erhört,
doch weiß ich wohl etwas, das länger währt.“

Nun sagte der Letzte:“Ich bin schon ein Greis,
und lebe nicht mehr als zu gerne –
drum wünsch‘ ich ein Ziel, das recht nahe ich weiß,
ich schweif nicht, wie ihr, in die Ferne.
Ich bin sehr bescheiden – ich wünsche nicht viel – –
ich wünsch‘ ein ganz nahes, erreichbares Ziel –
wünsch‘ nur noch so viel Lebensfrist,
bis – – Eulenburg verurteilt ist.“ – – –

Das stand der Engel auf
und sprach zu ihm darauf:
„Das längste Ziel erwählt’st du dir,
du überlebst Sie alle hier.
Brauchst vor dem Tod nicht beben,
denn du wirst ewig leben.“

Otto Reutter

Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
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8 Antworten zu Es saßen sechs Männer beim perlenden Wein…

  1. bruni8wortbehagen schreibt:

    ein schwieriges Gedicht, das sich leicht, locker und flockig anhört. Ich wage weder zu lachen noch etwas anderes zu tun.
    Hast Du hier den Hintergrund parat?
    Lieber Gruß von Bruni

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    • Gabryon schreibt:

      Philipp Friedrich Alexander zu Eulenburg und Hertefeld war ein preußischer Diplomat und enger Vertrauter des Deutschen Kaisers Wilhelm II.
      Die Harden-Eulenburg-Affäre, oder kurz Eulenburg-Affäre, war die Kontroverse um eine Reihe von Kriegsgerichts- und fünf reguläre Gerichtsverfahren wegen homosexuellen Verhaltens und die gegen diese Vorwürfe geführten Verleumdungsklagen. Betroffen waren prominente Mitglieder des Kabinetts von Kaiser Wilhelm II. in den Jahren 1907 bis 1909. Die Affäre wird als einer der größten Skandale des deutschen Kaiserreiches bezeichnet.Nachzulesen bei Wikipedia.
      Liebe Bruni, es dreht sich alles um das deutsche Kaiserreich, die Kriegsjahre 1914 – 1918 und später um die neue deutsche Republik.

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  2. keinbisschenleise schreibt:

    Fromme Wünsche hatten sie ja alle, aber ……….. 😉

    Liebe Grüsse
    Uschi ❤

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  3. giselzitrone schreibt:

    Wieder sehr schön wünsche einen guten Mittwoch liebe Grüße Gislinde

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