Mensch, komm‘ bloß nicht auf die Welt!

Heute auf der Welt zu leben
ist wahrhaftig kein Genuß.
Ach, was kann uns heut‘ das Leben geben,
nichts als Ärger und Verdruss.
Heute auf die Welt zu komm’n, das ist ein Missgeschick.
Ich hielt zu ihrem Glück
die Menschheit gern zurück.
Ach, wenn’s irgend möglich wäre, rief ich ohne Ruh‘
’nem jeden ungebor’nen Kinde zu:
„Mensch, komm‘ bloß nicht auf die Welt!
Denn da ist es schlecht bestellt.
Komm‘ nicht jetzt – lass dich nicht äffen –
schlimmer kannst du’s gar nicht treffen.
Will der Klapperstorch dich kriegen,
bleibe hübsch im Teiche liegen,
oder flieg‘ im Sternenzelt.
Mensch, komm‘ bloß nicht auf die Welt!“

Auf der Welt ist alles teuer
von der wiege bis zur Gruft.
Täglich kommt man uns mit neuer Steuer –
man besteuert bald die Luft.
Kind, du musst verhungern hier – die Preise steigen sehr –
die Eier kosten mehr,
die Milch geht immer höh’r.
Schließlich sagt die Amme auch: „Bei mir wird alles knapp –
bezahle mehr, sonst lief’re ich nicht ab.“
Mensch, komm‘ bloß nicht auf die Welt!
Denn da bist du sehr geprellt.
Wirst behandelt ohne Schonung –
kriegst vielleicht nicht mal ’ne Wohnung.
Hat man eine dir empfohlen,
fehl’n im Winter dir die Kohlen,
und dann bist du kalt gestellt.
Mensch, komm‘ bloß nicht auf die Welt!

Ach, gerad‘ den kleinen Kindern
folgt die Not auf Schritt und Tritt.
Drum müsst‘ man das Komm’n von Kindern hindern –
wenn das ging‘, ich machte mit.
Nehmen wir mal an, ich ständ‘ als junger Gatte da.
Der Storch, der wäre nah,
ich würde bald Papa –
Ach, dächt‘ ich, mein Kind, ich liebe dich schon, eh‘ du hier.
Doch grad, weil ich dich liebe, rat‘ dir:
„Mensch, komm‘ bloß nicht auf die Welt!
Such‘ dir lieber ’n andres fällt.
Möcht‘ ja gerne voll Entzücken
an die Vaterbrust dich drücken.
Doch bleib‘ fort – mach‘ kein Theater –
such‘ dir später ’n andern Vater –
von mir wirst du abbestellt.
Mensch, komm‘ bloß nicht auf die Welt!“

Jedes Kind hat heut‘ schon Schulden,
wenn es auf die Welt gelangt.
Vierzig Jahr soll es die Schulden dulden –
so verlangt es die Entente.
Doch für euch, ihr Herr’n, besorgen keine Kinder wir.
Nein, braucht noch Kinder ihr,
dann sorgt doch selbst dafür.
Kind, sobald du kommst, wird dir die Rechnung schon gebracht.
Noch eh‘ du was „gemacht“, bist du gemacht.
Mensch, komm‘ bloß nicht auf die Welt!
Denn das kost’t ’ne Menge Geld.
Hast vom Leben kaum ’ne Ahnung,
kriegst du schon ’ne Schulden-Mahnung.
Der Franzos kommt an die Wiege:
„Kind, du bist mir Schuld am Kriege,
drum bezahl‘, du kleiner Held!“ –
Mensch, komm‘ bloß nicht auf die Welt!

Schrecklich ist das Los des Säuglings –
wenn er ankommt, geht’s ihm schlecht.
Man versichert sich des Säuglings meuchlings –
sowas nennt die Welt „gerecht“.
Liebes Kind, die Jugendzeit ist heute kein Gewinn.
Drum denk‘ in deinem Sinn:
„Ich bleibe, wo ich bin.“
Heute streikt die ganze Welt, drum rufe ich dir zu:
„Grüß‘ deine Eltern hübsch und streik‘ auch du!
Mensch, komm‘ bloß nicht auf die Welt!
Warte, bis sie dir gefällt.
’s wird schon besser mal, versteht sich,
denn die Welt ist rund und dreht sich.
Also wart‘, ist sich’s verschoben,
bis dass Unt’re kam nach oben –
wenn du obenan gestellt,
Mensch, komm‘ bloß nicht auf die Welt!“

Otto Reutter

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Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
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Eine Antwort zu Mensch, komm‘ bloß nicht auf die Welt!

  1. giselzitrone schreibt:

    Sehr schön ich wünsche dir eine gute sonnige Woche lieber Gruß Gislinde

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