Es rächt sich alles auf der Welt…

So manche Maid, die jung an Jahren,
ist sehr kokett und arrogant.
Sie möchte gern Frau Gräfin werden,
zum mindesten Frau Leutenant.
Sie weist die Tür manch jungem Schatze,
zum Schluß sitzt sie, vor Gram entstellt –
hat auf dem Schoß ’ne alte Katze –
es rächt sich alles auf der Welt.

So mancher Mensch in jungen Jahren,
ist nur auf Gelderwerb bedacht,
gönnt sich kein einziges Vergnügen,
scharrt Geld zusammen Tag und Nacht,
genießt die Welt als junger Mann nicht.
Hat er im Alter dann viel Geld,
möcht‘ er genießen und – er kann nicht.
So rächt sich alles auf der Welt.

Es lebte Otto einst. „Der Faule“
ward er genannt mit vollem Recht.
Im Leben ist ihm gut ergangen,
jetzt aber geht’s ihm weidlich schlecht.
Er ward bestraft für seine Sünden –
ihm ward ein Denkmal hingestellt.
’s ist in der Sieg’sallee zu finden –
so rächt sich alles auf der Welt.

Fast jeder Staat hat für sein Wappen
ein Tier. So kennt man ringsherum
den gall’schen Hahn, dem preuß’schen Adler,
den russ’schen Bär und and’re mehr.
In Mecklenburg, dem paradoxen,
hat man sich ganz zuletzt gemeld’t –
da fand man nur noch einen Ochsen.
Es rächt sich alles auf der Welt.

Als in Berlin ich jüngst gewesen,
da ging ich eines Abends aus,
traf auf der Straße dort ’ne Dame,
die lebte einst in Saus und Braus.
Jetzt geht sie abends auf und nieder –
sie warf zum Fenster raus das Geld,
nun sucht sie’s auf der Straße wieder –
es rächt sich alles auf der Welt.

Marie sprach einst zu ihrem Schatze:
„Ach Ernst, was du mir alles lernst!“
Jetzt ist sie längst von ihm verlassen
hat auf dem Schoß ’nen kleinen Ernst.
Sie hatten einst im Scherz gehandelt
doch als der Storch sich eingestellt,
hat sich der Scherz in „Ernst“ verwandelt –
es rächt sich alles auf der Welt.

Herr Fischer steht grad in der Küche
und schaut die Köchin zärtlich an,
da kommt sein holdes Eheweibchen,
wirft aus der Küche ihren Mann.
Er wird vor Gram jetzt gelb und gelber,
die Köchin wurde abbestellt
und seine Frau, die kocht jetzt selber –
Es rächt sich alles auf der Welt.

Ich hab‘ zu Haus ein kleines Söhnchen,
das singt und springt schon heut wie toll.
Vor kurzem war davon die Rede,
was er mal später werden soll.
Ich sprach: „Geh nur nicht zum Theater!“
Da sprach verschmitzt der kleine Held:
„Ich richt‘ mich ganz nach meinem Vater!“
Es rächt sich alles auf der Welt.

Ich hab‘ in meinen jungen Jahren
mal eine Liebelei gehabt.
Jedoch ein Freund von mir, ein falscher,
hat mir das Mädchen weggeschnappt.
Da wollt ich mich vor Gram ermorden.
Heut aber lach‘ ich, daß es gellt.
Die Maid ist – seine Frau geworden.
Es rächt sich alles auf der Welt.

Otto Reutter

Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
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