Dann hast du den verzeihenden, befreienden Humor…

Hab‘ stets Humor – du brauchst ihn jetzt,
erleicht‘re dir dein Los.
Wenn du gering die Bürde schätzt,
dünkt dir die Last nicht groß.
Und fall‘n die Schläge hageldicht,
ein Trost sei dir vergönnt:
‘s ist nichts so traurig, daß man nicht
darüber lächeln könnt‘.
Drum, was geschieht, mach‘ dir nichts draus,
lach‘ du, dann lacht man dich nicht aus.
Und gärt‘s in allen Ländern,
dann denk‘: „Ich kann‘s nicht ändern.“
Sing‘ dir ein Lied. Geht‘s nicht im Baß,
dann sing‘ es im Tenor,
dann hast du den verzeihenden,
befreienden Humor.

Sei wunschlos – glücklich, wer das kann.
‘ne Wohnung braucht nicht sein.
Schau‘ dir die alten Deutschen an,
die schliefen auch im Frei‘n.
Wozu noch Kleidung? Adam ging
auch nie zum Schneider hin –
und Essen – schätze es gering,
es bleibt ja doch nicht drin.
Wo nichts zu hol‘n, bricht keiner ein.
Fürs letzte Geld trink‘ ein Faß Wein,
und kommen dann die Lumpen,
dann soll‘n sie dir was pumpen.
Nimm‘s Faß, mach‘s wie Diogenes
und setze dich davor.
Dann hast du den verzeihenden,
befreienden Humor.

Den größten Ärger immerfort
bringt heut‘ das Personal.
Hast ‘ne Fabrik du – streikt man dort,
dann schließ‘ sie und bezahl‘.
Hast du ‘nen Hausknecht, der die Schuh‘
dir nicht mehr putzen möcht‘,
dann schmeiß ihn raus, und dann sei du
dein eig‘ner Stiefelknecht.
Wer niemand braucht, ist Herr im Haus,
streikt deine Dienstmagd, schmeiß‘ sie raus.
Wenn deine Frau dann predigt,
Auch raus, dann ist‘s erledigt.
Dann schmück‘ dein Heim und koch‘ mit Gas
und sei dein Matador.
Dann hast du den verzeihenden,
befreienden Humor.

Der Staat nimmt alles – denk‘ mal an.
Hätt‘st hunderttausend Mark,
zahlst du als Reichsnotopferlamm
die Hälfte von dem Quark.
Dann kommt die Rentensteuer schon,
bleib‘n zwanzigtausend stehn,
dann zehn Prozent vom Arbeitslohn,
dann bleiben dir noch zehn.
Zuwachs von früher – bleiben drei,
Gerichtsvollzieher – bleiben zwei.
Dann mußt du dich beköst‘gen,
dann bleibt dir noch ein Restchen.
Davon läßt du die Stiefel sohl‘n
und kaufst dir ‘n Trauerflor.
Dann bleibt dir – der verzeihende,
befreiende Humor.

Du lächelst auch, trotz allem Leid,
beschaust du die Entente.
Wie sie uns droht zu jeder Zeit
und doch im Innern schwankt.
Wenn Deutschland sich nicht willig zeigt
woll’n sie ins Ruhr-Gebiet.
Doch wenn der deutsche Bergmann streikt,
weiß niemand, was geschieht.
Sie dürfen rein, ’s ist leider wahr,
doch dem Lloyd George ist noch nicht klar
ob man dem Lloyd „Georgchen“
auch alle Leut‘ gehorchen.
Nach außen schreit, drinn‘ bebt der Lloyd, –
Stell‘ dir sein Leid mal vor,
Dann hast du den verzeihenden,
befreienden Humor.

Kopfarbeit schätzt man heut‘ sehr knapp,
der Körper ist Despot.
Doch merk‘: „Schlägt man den Kopf ihm ab,
dann ist der Körper tot.“
Die Glieder lenkten gern die Welt,
dem Geiste geht‘s nicht gut.
Die Welt ist auf den Kopf gestellt,
und das gibt böses Blut.
Denn stellst ‘nen Mensch du auf den Kopf,
dann steigt das Blut ihm in den Kopf.
Laßt uns die Glieder loben,
jedoch der Kopf sei oben.
Die Beine ewig in der Luft –
stell‘ dir den Staat mal vor,
dann hast du den verzeihenden,
befreienden Humor.

Ein hohes Tier ward mancher Mann
jetzt von den Links-Partei‘n.
Voll Stolz und Würde zieht er dann
in ’nen Palast hinein.
Doch glaub‘ ich, manchmal wird ihm schwül
in des Palastes Pracht.
Er hat mitunter das Gefühl,
als ob sein Diener lacht.
In dem Palais, einst königlich,
fühlt er sich nur gewöhniglich.
Fragt heimlich seine Lieben:
„Wie wird Palais geschrieben?“
Und dann stell dir mal seine Frau
als „Exzellenz‘sche“ vor.
Dann hast du den verzeihenden,
befreienden Humor.

Einst lebten gern wir auf der Welt,
der Abschied fiel uns schwer.
Heut‘, wo die Welt uns nicht gefällt,
schreckt uns kein Ende mehr.
Das ist doch fein, drum merke dir:
Das haben wohlbedacht,
die Schuld sind an dem Elend hier,
mit Absicht so gemacht.
Sie haben dir die Welt vergällt,
daß dir der Abschied leichter fällt.
Drum, nicht mit ihnen zanken,
Du mußt dich noch bedanken.
Du scheidest leicht – drum freue dich
und schwinge dich empor,
dann hast du den verzeihenden,
befreienden Humor.

Otto Reutter

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Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
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Eine Antwort zu Dann hast du den verzeihenden, befreienden Humor…

  1. giselzitrone schreibt:

    Wunderschön Friede ich das lasse dir liebe Grüße hier und wünsche einen guten Mittwoch.Gruß Gislinde

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