Väterliche Ermahnungen vor der Hochzeit des Sohnes…

Seitdem du tratest in das Leben ein,
da tratest du, mein Sohn, in manches rein.
Jetzt hast du Lust – das find’ ich sehr riskant
hineinzutreten in den Ehestand.
Drum nimm, mein Sohn, noch ein’ge Lehren mit,
bevor du tust den folgenschweren Schritt.

Sei nicht zu schnell, wenn eine dir gefällt.
Bedenk’, es gibt viel Mädchen auf der Welt.
Nimm nicht das erste beste Mägdelein,
die erste wird nicht stets die beste sein.
Triffst du ’ne zweite, die dir besser paßt,
dann tut’s dir leid, daß du die erste hast.

Der Schwiegervater kommt nicht in Betracht.
Doch auf die Mutter deiner Braut gib acht.
Sagt diese Mutter voller Stolz zu dir:
„Auch ich sah aus wie meine Tochter hier“,
o, dann betracht’ die Mutter dir genau,
Denn wie die Mutter wird auch deine Frau.

Sei treu und brav, sobald du dich verlobt,
bezähme dich, wenn’s junge Herz auch tobt
Und wenn dir auch ’ne andre sehr gefällt,
denk’ stets an deine Braut – und an ihr Geld.
Sei, während du verlobt, ein braver Mann
und nach der Hochzeit fängste wieder an.

Ist sie auch zehn Jahr’ älter als wie du –
wenn sie dir sonst gefällt, dann greife zu.
Schon nach fünf Jahren sagt sie jederzeit,
daß beide ihr in gleichem Alter seid.
Und kommen weitere fünf Jahr’ hinzu,
Dann ist sie zehn Jahr’ jünger als wie du.

Bist du mal untreu, da ist nichts dabei,
doch merkt’s die Frau, dann ist’s ’ne Schufterei.
Gefällt zum Beispiel dir die Stubenmaid,
dann suche mit dem Mädchen täglich Streit.
Hört deine Frau, daß du stets räsonnierst,
dann merkt sie nicht, daß du mit der poussierst.

Sei nett zu ihr – doch stets mit Maß und Ziel
und – laß dir raten – schenk’ ihr nicht zuviel.
Sie wird nicht dankbar sein – verlaß dich drauf –
im Gegenteil, dein Wohltun fällt ihr auf.
„Wer weiß“, sagt sie, von Zweifeln jäh erfaßt,
„was Du jetzt wieder ausgefressen hast.“

Ist sie mit einem andern sehr intim,
dann brause niemals auf – nein, schenk’ sie ihm
laß beide laufen – ruf’ sie nicht zurück
und stör’ den andern nicht in seinem „Glück“.
Und bist du traurig, denk’ in deiner Pein:
Wie traurig mag nun erst der andre sein!

Doch hast dein Weibchen du von Herzen gern,
Dann halt’ sie stets von andern Männern fern,
damit du nie, kommt einst der Storch zu dir,
dich fragen mußt: Ist das ein Stück von mir?
Bedenke stets, wie herrlich schön es ist,
wenn du verwandt mit deinem Kinde bist.

Vor allen Dingen merk’ dir eines klar:
Nimm nie ’ne Frau, die schon verheirat‘t war!
Mag auch der erste schlecht gewesen sein,
sobald er tot ist, kommt der Heil’genschein.
Er ist’s, der wie ein Engel sie umschwebt –
der zweite ist ein Ochs, solang’ er lebt.

Als ich die Mutter freite,
da war ich auch der zweite….

Otto Reuter

Über Gabryon

Ich male mir mein Leben bunt. Wie der Wind… Vom Sternzeichen bin ich Wassermann und somit ein Luftzeichen. Ich bin praktisch und kreativ veranlagt und philosophiere gerne. Ich mag die Natur, Mensch und Tier. Meine Interessen sind sehr vielseitig und ich will es nicht darauf reduzieren, was ich besonders gerne mag. Das eine liegt mir an manchen Tagen mehr als das andere und ich habe es zumindest ausprobiert, um zu entscheiden, ob es für mich etwas ist oder nicht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Es gibt immer Wege und Möglichkeiten, es zu tun oder zu lassen. Ich bin wie der Wind. Unterschätze nie die Kraft des Windes.
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4 Antworten zu Väterliche Ermahnungen vor der Hochzeit des Sohnes…

  1. keinbisschenleise schreibt:

    Der Vater, der Erfahrung hat 😉 ….

    aber welcher Sohn hört schon darauf ?

    Ich habe ein wenig geschmunzelt bei dem tollen Gedicht…danke dafür
    und einen lieben Gruß in den Abend

    Uschi ❤

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    • Gabryon schreibt:

      Früher gab es noch Söhne, die auf den Vater hörten. Ob es sie heute noch gibt? Das weiß ich nicht.

      Ich mag humorvolle und doch tiefsinnige Gedichte, deshalb stelle ich hier einige vor.

      Liebe Grüße
      Gabriele

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  2. Klausbernd schreibt:

    Liebe Gabriele,
    fein, dass du Otto Reuter, diesen kritisch witzigen deutschen Geist zitierst, von dem außer seinem verschwundenen Überzieher wenig erinnert wird. Das ist köstlich dieses Gedicht 🙂 Meine liebklugen Buchfeen konnten sich vor Lachen gar nicht mehr einkriegen.
    Vielen Dank und ganz liebe Grüße von kleinen Dorf am großen Meer
    the Fab Four of Cley next the sea

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    • Gabryon schreibt:

      Lieber Klausbernd,
      vielen Dank für Dein Lob. Es macht mir große Freude humorvolle Gedichte vorzustellen und Otto Reutter, der ein hervorragender Berliner Humorist der 20-er Jahre war, gehört dazu.
      Ich wünsche Euch einen schönen Abend und sende viele liebe Grüße an Euch
      Gabriele

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