GEDICHTE: Die Näherin, Ludwig Anzengruber, (1884 – 1889)

Die Näherin

Du sitzest in dem Kämmerlein
Bei blendend grellem Lampenschein
Und führst die Nadel als die Waffe,
Die Brot im Daseinskampf dir schaffe.
Ein Vöglein ätzest du mit Krumen,
Es teilt mit dir die dumpfe Luft,
In Töpfen ziehst du deine Blumen,
Ein wenig Sang, ein wenig Duft
Erfreuet dich im engen Raum,
Wo der Maschine emsig Schnurren
Dich wiegt in gleichgemuten Traum.
Und du erträgst es ohne Murren
Und weinst nur wenig stille Thränen,
Wenn alles, was du magst ersehnen,
Den Weg zu andrer Häuser sind’t.
Du rüstest reicher Leute Kind
Zum Ballfest jene prächt’ge Robe,
Die seinen Frauenreiz erprobe;
Du fertigst, kaum nach einem Jahr,
Das Kleid zum Gang vor den Altar
Und bald zu aller Freuden Fülle
Des Täuflings bänderreiche Hülle.
Verengert sich der kleine Kreis
Der Leute, die dir nah‘, doch fremd,
Dann nähest du mit gleichem Fleiß
Am Trauerkleid und Totenhemd,
Und von der Wiege bis zum Sarg
Entlohnt man dir die Mühe karg.
Die Tritte, die das Rad geschnellt,
Gerechnet all zu Haufen,
Sie führten dich ans End der Welt,
Doch lassen nicht der Not entlaufen.
So lebst du Jahr‘ für Jahre gleich,
Es rührte deine Wange bleich
Nur selten freier Lüfte Hauch,
Und wenn dereinst man dich begräbt,
Wofür du wohl gelebt?
Weißt du es auch?

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GEDICHTE: Ich hab erreicht das Ziel des Strebens…, Ludwig Anzengruber, 1884 – 1889

Auf dem Gutshof ...

Ich hab‘ erreicht das Ziel des Strebens
Und senk‘ das Haupt in dem Erkennen:
Wie wertlos alles Gut des Lebens,
Wie ärmlich, was mir Glück benennen.
Das Ringen ist’s, das dich beglückt,
Erfolg schon hat den Kranz zerrissen,
So wie das Forschen nur entzückt
Und nimmermehr das volle Wissen.

Nur, was noch aussteht zu gewinnen,
Nur, was im Leben wir verloren,
Erscheinet groß vor unsern Sinnen:
Zufrieden sind allein die Thoren.
Doch wer erlernt des Lebens Preise
Zu weiten als ein eitles Nichts,
Der fürchtet auch kein Ziel der Reise
Und keine Tage des Gerichts.

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GEDICHTE: Ich sass, mir selber feind wie nie, Christian Morgenstern (1871-1914)

Mama mit Kind - Mom with child

Ich sass, mir selber feind wie nie,
vor der gelassnen grossen Nacht
und schrie
mich aus in ihren schwarzen Schacht.

Da kam’s zurück, wie Hauch zurück:
„Wo bist du, Kind? Was willst du, Kind?
Mein Auge ist von Sternen blind.
Was nennst du Schmerz? Was nennst du Glück?

Wachse, wie du musst,
und welkst du, geht es schnell dahin.
Das Leben hat nur Deinen Sinn.
Aber ewig bleibt dir meine Mutterbrust.“

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GEDICHTE: Waldkonzerte…, Christian Morgenstern

Landscape

Waldkonzerte! Waldwindchöre!
Düstres Solo strenger Föhre –
Tannensatz nach tiefem Schweigen –
heller Birken Mädchenreigen –

Buschgeschwätze – Gräserlieder –
Blätterskalen auf und nieder – –
wenn ich euch nur immer höre –
Waldkonzerte! Waldwindchöre!

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GEDICHTE: Für Mary, Kurt Tucholsky (1890-1935)

women

Gibst du dich keinem -? Bist du nur blond und kühl?
Demütigt dich ein starkes, heißes Gefühl?
Wir sind allein. –

Jeder ist so vom andern durch Weiten getrennt,
dass er nicht weiß, wo es lodert und flammt und brennt –
Wir sind allein. –

Selten nur springt ein Funke von Blut zu Blut,
bringt zur Entfaltung, was sonst in der Stille ruht –
Wir sind allein. –

Aber einmal – kann es auch anders sein –
Einmal gib dich, – und, siehst du, dann wird aus zwein:
Wir beide –
Und keiner ist mehr allein. –

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GEDICHTE: Liebesantrag, Frank Wedekind (1864-1918)

Erinnerungen an Ihn; Memories of him

Lass uns mit dem Feuer spielen,
Mit dem tollen Liebesfeuer;
Lass uns in den Tiefen wühlen,
Drin die grausen Ungeheuer.

Menschenherzens wilde Bestien,
Schlangen, Schakal und Hyänen,
Die den Leichnam noch beläst’gen
Mit den gier’gen Schneidezähnen.

Lass uns das Getier versammeln,
Lass es stacheln uns und hetzen.
Und die Tore fest verrammeln
Und uns königlich ergötzen.

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GEDICHTE: Galathea, Frank Wedekind (1864-1918)

Love ...

Oh, wie brenn ich vor Verlangen,
Galathea, schönes Kind,
Dir zu küssen deine Wangen,
Weil sie so verlockend sind.

Dass ich auch die Gnade fände,
Galathea, schönes Kind,
Dir zu küssen deine Hände,
Weil sie so verlockend sind.

Und was tät ich nicht du süße
Galathea, schönes Kind,
Dir zu küssen deine Füße,
Weil sie so verlockend sind.

Und mich treibt der Pulse Stocken,
Galathea, schönes Kind,
Dir zu küssen deine Locken,
Weil sie so verlockend sind.

Aber deinen Mund enthülle,
Mädchen, meinen Küssen nie,
Denn in seiner Reize Fülle
Küsst ihn nur die Phantasie.

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GEDICHTE: Alte Liebe, Frank Wedekind (1864-1918)

Vintage Romance

Ich hab dich lieb, kannst du es denn ermessen,
Verstehn das Wort, so traut und süß?
Es schließet in sich eine Welt von Wonne,
Es birgt in sich ein ganzes Paradies.

Ich hab dich lieb, so tönt es mir entgegen,
Wenn morgens ich zu neuem Sein erwacht;
Und wenn am Abend tausend Sterne funkeln,
Ich hab dich lieb, so klingt die Nacht.

Du bist mir fern, ich will darob nicht klagen,
Dich hegen in des Herzens heil’gem Schrein.
Kling fort, mein Lied! Jauchz auf, beglückte Seele!
Ich hab dich lieb, und nie wirds anders sein.

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GEDICHTE: Nun sei mir heimlich zart und lieb, Theodor Storm (1817-1888)

Love

Nun sei mir heimlich zart und lieb;
Setz deinen Fuß auf meinen nun!
Mir sagt es: ich verließ die Welt,
Um ganz allein auf dir zu ruhn;

Und dir: o ließe mich die Welt,
Und könnt ich friedlich und allein,
Wie deines leichten Fußes jetzt,
So deines Lebens Träger sein!

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GEDICHTE: Die Insel, Kurt Tucholsky (1890-1935)

Gute Nacht - good night

Ich konnte kaum die Nacht erwarten,
nun war sie da.
Eintrat ich in den Liebesgarten –
und bin dir nah.

Die Skala der Gefühle spielen wir:
ein Duett.
Du exzellierst in allen Stilen –
adrett… kokett…

Scham. Abwehr. Weichen. Überfließen.
Ermattung. Schlaf.
Wie wir uns lose treiben ließen…
Du schlummerst brav.

Der Morgen graut. Da rutscht die Zeitung
leis durch den Spalt,
Die böse Mittlerin, die Leitung –
Das Schlagwort knallt.

Im Dämmern les ich eine Zeile:
„Herr Müller spricht.“
Hart tickt die Uhr in dummer Eile.
Wir bleiben nicht.

Wir treiben fort. In das Gerinsel
blick ich zurück.
Du gabst auf einer kleinen Insel
ein kleines Stundenglück.

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GEDICHTE: Traum von heimlicher Hochzeit, Bruno Wille (1860-1928)

Love ...

So heimlich süß war unsre Hochzeitsfeier:
Wir lagen dicht
Beisammen, überwallt von einem Schleier;
Man sah uns nicht.

Wir hörten, wie die Leute nach uns fragten
Im gleichen Raum.
Wir unterm Flore blieben reglos, wagten
Zu atmen kaum.

Nur unsre Hände durften sacht sich drücken,
Wie küssend fand
Sich Hauch zu Hauch, mein Knie war mit Entzücken
An deins gebannt.

Mein glühend Auge, das im Dunkeln schaute,
Versank in deins;
Ich war in dir, du warst in mir, uns traute
Die heilige Eins.

Wohlan, was Edens Glut zusammenglühte,
Trennt keine Welt.
Hinweg denn, Angst, da uns die Hand der Güte
Geborgen hält.

Wir ruhn verhüllt; zum Baldachin, zum Himmel
Ward unser Flor.
Uns singt von Flügelköpfchen ein Gewimmel
Den Minnechor.

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GEDICHTE: Ihr so süße und sanfte Mörderin…, Heinrich von Morungen (ca. 1150-1222)

Schönheit - beautyIhr so süße und sanfte Mörderin,
warum wollt Ihr mir das Leben nehmen,
obwohl ich Euch so von Herzen liebe,
fürwahr, Herrin, mehr als alle Frauen?
Meint Ihr, wenn Ihr mich tötet,
würde ich Euch nie mehr anschauen?
Nein, die Liebe zu Euch hat mich genötigt,
dass eure Seele die Herrin meiner Seele ist.
Soll mir auf Erden nichts Gutes geschehen
von eurem gepriesenen Leib,
so muss Euch meine Seele versprechen,
dass sie Eurer Seele im Himmel als einer reinen Frau dienen wird.

(aus dem Mittelhochdeutschen von Wersch)

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GEDICHTE: Ein Traum …, Johann Gottfried Herder (1744-1803)

Guten Morgen, liebe Freunde

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
Auf Erden hier.
Wie Schatten auf den Wogen schweben
Und schwinden wir
Und messen unsre trägen Tritte
Nach Raum und Zeit;
Und sind (und wissen’s nicht) in Mitte
Der Ewigkeit.

(1. Strophe aus „Amor und Psyche auf einem Grabmal“.)

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GEDICHTE: Abschied, Karl Herloßsohn (1804-1849)

Winter fantasy

Wenn die Schwalben heimwärts zieh’n,
Wenn die Rosen nicht mehr blühn,
Wenn der Nachtigall Gesang
Mit der Nachtigall verklang;
Fragt das Herz in bangem Schmerz:
Ob ich Euch wohl wiederseh‘? –
Scheiden, ach Scheiden tut weh! –

Wenn die Schwäne südwärts ziehn,
Dorthin, wo Orangen blüh’n,
Wenn das Abendrot versinkt,
Durch die grünen Wipfel blinkt;
Fragt das Herz in bangem Schmerz:
Ob ich Euch auch wiederseh‘?
Scheiden, ach Scheiden tut weh! –

Armes Herz, was klagest Du!
Ach Du gehst auch einst zur Ruh!
Was auf Erden, – muss vergeh’n;
Gibt es dort ein Wiedersehn?
Fragt das Herz im bangen Schmerz. –
Tut auch hier das Scheiden weh:
Glaub‘, dass ich Dich wiederseh.

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GEDICHTE: An die Geliebte, Karl Herloßsohn (1804-1849)

Schöne Momente für dich..

Göttin mit dem Rosenmunde,
Mein ganzes Ich ist eine einz’ge Wunde,
Mein Herz ein Apfel, wo der Liebe Made
Sitzt drinnen und zerfrisst es ohne Gnade.

Den Teig deiner Reize knet‘ ich stets in meinen Sinnen,
Hoch geht er auf, als wäre Hefe drinnen;
Du bist ein Löschpapier, das meine Sinnen trinket,
Du bist ein Teich, worin mein Herz versinket.

Von hartem Pockenholz ist dein Herz gedrechselt,
Meine Seele hast du zu Spreu zerhexelt,
Mein Tränenstrom könnt‘ einen Fixstern löschen,
Doch kalt bleibst du, wie gesäugt von Fröschen.

Auf deinen Wangen lässt sich’s botanisieren,
weil Rosen und Lilien dort florieren,
Und von der Lippen rotem Unterkissen
Hat Amor mich mit seinem Pfeil geschmissen.

Wie den Schneemann sich die Straßenbengel,
So aus Äther webten dich die Engel,
All‘ ihre Schönheit schenkten sie der Einen,
Dass sie nun selbst wie schwarze Kater scheinen.

Wie Hunde nach dem Hafen lechzen,
Wie Raben nach dem Aase krächzen,
Wie nach dem Blute dürst’t der Floh,
Nach deiner Liebe ächz‘ ich so.

Die Uhren laufen vor Liebesglut schneller,
Das Eis vor Sehnsucht schmilzt in dem Keller,
Vor Liebespein brüllen die Mücken wie Kühe,
Graubärtige Eichen fall’n auf die Kniee.

Könnt‘ ich deine Liebe dadurch erhalten,
Die Erde wollt‘ ich wie einen Käse spalten,
Ich schlüge die Sonne mit Keulen tot
Und brächte sie dir zum Abendbrot.

Ich kröche zum Schornstein der Welt hinaus,
Ich brächte dir eine Engelslaus,
Ich prügelte dem Mond die Hucke voll
Und würde zuletzt vor Liebe toll.

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GEDICHTE: Das Steckenpferd, (Kinderlied) Carl Hahn (1778-1854)

Wer bist Du denn? Who are you?

Hopp, hopp, hopp!
Pferdchen lauf Galopp!
Über Stock und über Steine,
Aber brich dir nicht die Beine,
Immer im Galopp,
Hopp, hopp, hopp, hopp, hopp!

Tipp, tipp, tapp!
Wirf mich ja nicht ab!
Zähme deine wilden Triebe,
Pferdchen tu es mir zuliebe,
Wirf mich ja nicht ab!
Tipp, tipp, tipp, tipp, tapp!

Brr, brr, he!
Steh, mein Pferdchen steh!
Sollst noch heute weiter springen,
Muss dir nur erst Futter bringen.
Steh doch Pferdchen, steh!
Brr, brr, brr, brr, he!

Pitch, pitsch, patsch!
Klatsche, Peitsche, klatsch!
Musst recht um die Ohren knallen,
Ha! Das kann mir sehr gefallen.
Klatsche, Peitsche, klatsch!
Pitsche, Pitsche, Patsch!

Ha, ha, ha!
Juch, nun wieder da!
Diener! Diener! Liebe Mutter!
Findet auch mein Pferdchen Futter?
Ha, ha, ha, ha, ha.
Juch nun sind wir da!

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GEDICHTE: Der Alte (2), Friedrich von Hagedorn (1708-1754)

Guten Morgen, liebe Freunde

Zu meiner Zeit, zu meiner Zeit
Bestand noch Recht und Billigkeit.
Da wurden auch aus Kindern Leute,
Aus tugendhaften Mädchen Bräute;
Doch alles mit Bescheidenheit.
O gute Zeit, o gute Zeit!
Es ward kein Jüngling zum Verräter,
Und unsre Jungfern freiten später,
Sie reizten nicht der Mütter Neid.
O gute, Zeit, o gute Zeit!

Zu meiner Zeit, zu meiner Zeit
Befliss man sich der Heimlichkeit.
Genoss der Jüngling ein Vergnügen,
So war er dankbar und verschwiegen;
Doch jetzt entdeckt er’s ungescheut.
O schlimme Zeit, o schlimme Zeit!
Die Regung mütterlicher Triebe,
Der Vorwitz und der Geist der Liebe
Fährt jetzt oft schon in’s Flügelkleid.
O schlimme Zeit, o schlimme Zeit!

Zu meiner Zeit, zu meiner Zeit
ward Pflicht und Ordnung nicht entweiht.
Der Mann ward, wie es sich gebühret,
Von einer lieben Frau regieret,
Trotz seiner stolzen Männlichkeit.
O gute Zeit, o gute Zeit!
Die Fromme herrschte nur gelinder,
Uns blieb der Hut und ihm die Kinder;
Das war die Mode weit und breit.
O gute Zeit, o gute Zeit!

Zu meiner Zeit, zu meiner Zeit
war noch in Ehen Einigkeit.
Jetzt darf der Mann uns fast gebieten,
Uns widersprechen und uns hüten,
Wo man mit Freunden sich erfreut.
O schlimme Zeit, o schlimme Zeit!
Mit dieser Neuerung im Lande,
Mit diesem Fluch im Ehestande
Hat ein Komet uns längst bedräut.
O schlimme Zeit, o schlimme Zeit!

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GEDICHTE: Taoteking 80, Laotse (zwischen 600 u. 400)

choice hope

Ein Land mag klein sein
und seine Bewohner wenig.
Geräte, die der Menschen Kraft vervielfältigen,
lasse man nicht gebrauchen.
Man lasse das Volk den Tod wichtig nehmen
und nicht in die Ferne reisen.
Ob auch Schiffe und Wagen vorhanden wären,
sei niemand, der darin fahre.
Ob auch Panzer und Waffen da wären,
sei niemand, der sie entfalte.
Man lasse das Volk wieder Stricke knoten
und sie gebrauchen statt der Schrift.
Mach süß seine Speise
und schön seine Kleidung,
friedlich seine Wohnung
und fröhlich seine Sitten.
Nachbarländer mögen in Sehweite liegen,
daß man den Ruf der Hähne und Hunde
gegenseitig hören kann:
und doch sollen die Leute im höchsten Alter sterben,
ohne hin und her gereist zu sein.

(aus dem Chinesischen von Richard Wilhelm)

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GEDICHTE: Die Heil’gen Drei Könige, Heinrich Heine (1797-1856)

3 reis  CIRCA 1900

Die Heil’gen Drei Könige aus Morgenland,
Sie frugen in jedem Städtchen:
„Wo geht der Weg nach Bethlehem,
Ihr lieben Buben und Mädchen?“

Die Jungen und Alten, sie wussten es nicht,
Die Könige zogen weiter;
Sie folgten einem goldenen Stern,
Der leuchtete lieblich und heiter.

Der Stern blieb stehn über Josephs Haus,
Da sind sie hineingegangen;
Das Öchslein brüllte, das Kindlein schrie,
Die Heil’gen Drei Könige sangen.

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GRDICHTE: Der Rabe und der Fuchs, Friedrich von Hagedorn (1708-1754)

 Allen William Seaby, British (1867-1953) -Fox and Crow, Colour Woodcut, Signed in graphite below image, titled and annotated "1 black 2 coloured, 15 x 10 cmAllen William Seaby, British (1867-1953) -Fox and Crow/britishmuseum.org

Wurst wider Wurst. Das ist das Spiel der Welt,
Und auch der Inhalt dieser Fabel.
Ein Rabe, welcher sich auf einen Baum gestellt,
Hielt einen Käs‘ in seinem Schnabel.
Den Käse roch der Fuchs. Der Hunger riet ihm bald,
Dem schwarzen Räuber sich zu nahen.
Ha! spricht er, sei gegrüßt! Ist hier dein Aufenthalt?
Erblickt man hier die reizende Gestalt?
Dass du gefällst, muss, wer dich kennt, bejahen.
Erlaube mir die Lust, dich jetzo recht zu sehn …
Ja! der Fasan muss dir an Farbe weichen.
Ist dein Gesang nur halb so schön,
So wird, an Seltenheit, dir auch kein Phönix gleichen.
Den Raben täuscht das Lob, das ihm der Falsche gab.
Er kann sich nicht vor stolzer Freude fassen.
Ich, denkt er, muss mich hören lassen,
Und sperrt den Schnabel auf. Sein Käse fällt herab,
Den gleich der Fuchs verschlingt. Er sagt: Mein schönster Rabe,
Ein Schmeichler lebt von dem, der ihn zu gerne hört,
Wie ich dir jetzt bewiesen habe.
Ist diese Lehre nicht zehn solcher Käse wert?
Des Fuchses Schüler schweigt, mit heimlichem Verlangen,
Den schlauen Fänger auch zu fangen.
Der trug einst Speck nach seinem Bau,
Und er begegnet ihm. Wie, spricht er, Hühnerfresser,
Ist jetzo Speck dein Mahl? Du lebest zu genau,
Fast wie ein Mäuschen lebt. Schalk, dein Geschmack war besser.
Sieh um, in jenen Hof. Die Hennen, die dort gehn,
Sind klügrer Füchse Kost: nichts schöners wird man sehn.
Dich sollte wohl ein solcher Anblick rühren.
Allein, du bist nicht dir, noch deinem Vater, gleich.
Sonst warst du doch an Mut und an Erfindung reich.
Da suchte dich das Glück. Der Fuchs lässt sich verführen,
Wirft seinen Fraß dahin, setzt dem Geflügel nach.
Doch jenes macht sich unter Dach,
Und krähet, ihm zum Hohn, im sichern Hühnerhause.
Kräht, ruft er, kräht! mir bleibt ein fetter Fraß zum Schmause.
Er trabt zurück, und sucht. Der frohe Rabe sitzt
Auf einem Baum, wo ihn die Höhe schützt.
Den Speck hat er verzehrt. Freund, schreit er, mit Vergnügen
Erlern‘ ich Füchse zu betrügen.
Gedenk‘ an meinen Käs‘, ich denk‘ an deine List:
Vorhin war ich ein Tor, wie du es heute bist.

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