GEDICHTE: Fragen, Heinrich Heine,

Am Meer, am wüsten, nächtlichen Meer
Steht ein Jüngling-Mann,
Die Brust voll Wehmut, das Haupt voll Zweifel,
Und mit düstern Lippen fragt er die Wogen:
„O löst mir das Rätsel,
Das qualvoll uralte Rätsel,
Worüber schon manche Häupter gegrübelt,
Häupter in Hieroglyphenmützen,
Häupter in Turban und schwarzem Barett,
Perückenhäupter und tausend andere
Arme schwitzende Menschenhäupter –
Sagt mir, was bedeutet der Mensch?
Woher ist er gekommen? Wo geht er hin?
Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?“
Es murmeln die Wogen ihr ewges Gemurmel,
Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken,
Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,
Und – ein Narr wartet auf Antwort.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Gott versah uns mit zwei Händen, Heinrich Heine (1797 – 1856)

Gott versah uns mit zwei Händen,
Daß wir doppelt Gutes spenden;
Nicht um doppelt zuzugreifen
Und die Beute aufzuhäufen
In den großen Eisentruhn,
Wie gewisse Leute tun –

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar

GEDICHTE: Der gefallene Engel, Christian Höppl (1826 – 1862)

In dem Chor der Engel, welche
Vor dem Throne Gottes stehen,
War ein Engel, milder, schöner
Als die andern anzusehen.

Ew’ge Ruhe, neigungslose,
War in ihr Gesicht geschrieben,
Ernst und Friede; nichts vom Hasse,
Aber auch kein Zug vom Lieben.

Wie der Sterne kalter Schimmer
War es über sie ergossen;
Jener Engel wie von sanfter,
Milder Morgenröt’ umflossen.

Ewig Gottes Macht besingend,
Nie dem Schlag vom eignen Herzen
Lauschend, waren ihre Lieder
Ohne Wonnen, ohne Schmerzen.

Durch des mildern Engels Weisen
Sich noch andre Worte schlangen,
Bis von Sehnsucht, Weh und Wonne
Seine Lieder wiederklangen.

Von den ernsten Engeln, welche
Zürnend seine Näh’ gemieden,
Ward er einst ihn anzuklagen
Vor des Höchsten Thron beschieden.

Der spricht streng zu ihm die Worte:
„Noch ist dir die Wahl geblieben!
Hier im Himmel — nur Gehorsam,
Unten bei den Menschen — Lieben!“

Doch der Engel neigt sich leise;
Wie von hoher Lust erglüht er,
Und die Schwingen rasch entfaltend
Schwebt er auf die Erde nieder;

Brachte Frühling mit und Liebe,
Sangeslust und Rosenblüte,
Und die Freiheit, die seit jenem
Tag die Menschenbrust durchglühte.

Den aus ihrer Mitt’ gestoßen
Jene kalten Engel droben,
Jauchzend haben ihn die Menschen
Hier zu einem Gott erhoben.

Wer die Seligkeit im Himmel
Sucht, muss jenen Engeln gleichen,
Diesem aber, wer auf Erden
Will die Seligkeit erreichen.

Fragt ihr nach des Engels Namen?
Leis in jedem Liede klingt er,
Genius der Dichtkunst heißt er,
Und aus Dichters Munde singt er.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Mittag, Hermann Allmers (1821-1902)

Rings alles still – wohin man horcht und späht,
Im schatt’gen Walde, wie auf lichter Flur;
Nicht einmal eines einz’gen Vogels Laut,
Kein Blattgesäusel, keines Hauches Wehn,
Denn die Natur hält ihren Odem an.

Weißglühend senkt die Sonne scheitelrecht
Ihr Strahlenmeer herab aufs stille All,
Und kein Gewölk am ganzen Horizont
Erspäht der Blick, nur eine weiße Flocke
Hängt leuchtend dort, ganz einsam, wie verloren,
Ganz regungslos im glühenden Azur.

„Es schlummert Pan“, so redeten sie einst.
„Seid stille, stört den Geist des Waldes nicht.“
Nun aber ist er tot, der alte Pan.
Und mit ihm sind gestorben der Dryaden
wie der Najaden gütige Gestalten,
Die schützend tief im Walde Wohnenden,
In grüner, quelldurchrauschter Einsamkeit –
Dahin die ganze alte schöne Welt.

Du aber, Mensch, befolge noch das Wort;
Sei still in wunderbarer Mittagszeit,
Daß du den Traum des Waldes nimmer störst
Durch wüsten Lärm, und laß die Arbeit ruhen
Und ruhe selbst und träume. Es ist süß,
Ganz aufzugehen in das große Schweigen
Und eins zu werden mit der Natur.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Liebesbegegnung, Christian Höppl (1826 – 1862)

Ich dachte Dein in tiefer Nacht,
Da leuchtete mit heller Macht,
Mit plötzlicher, die Finsternis
Und wurde klar wie Morgenpracht.

Zu jener Stunde hat gewiß
Dein Auge, Liebchen, auch gewacht,
Zu jener Stunde hat gewiß
In Liebe mein Dein Herz gedacht!

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Ohne Dich, Christian Höppl (1826 – 1862), Philologe und Dichter

Es wogt der Strom vorbei, die Schiffe,
Sie spiegeln in den Fluten sich,
Der Nachen schwebt dahin so leise –
Was soll der Strom mir ohne Dich?

Es rauscht der Wind, die Blätter spielen
Im leisen Abendhauch um mich;
Des Waldes Einsamkeit so duftig –
Was kann sie sein mir ohne Dich?

Es naht die Nacht, der Himmel funkelt
Mit seinen Sternen feierlich;
O wunderbare Reiz der Nächte –
Was soll die Nacht mir ohne Dich?

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Im Walde, Justinus Kerner (1786 – 1862) – Dichter

Es tönt der Bach wie klagend
Dem Wandersmanne sagend:
In mir auch wohnt ein Leid.
Es rauschen drein die Bäume,
Erzählen ihre Träume
Der grünen Einsamkeit.

Der Vogel singt in Lüften
Sein Leid aus, – aus in Düften
Strömt es die Blum‘ der Flur.
Und oft ertönt’s in Nächten,
Als ob uns Lüfte brächten
Wehlaute der Natur.

Und schweigen sollt‘ alleine,
Auf daß es fröhlich scheine,
Ein volles Menschenherz?
Nicht singen sollt’s, nichts sagen,
Stumm dulden, niemand klagen,
Wie es zerreißt der Schmerz?

Veröffentlicht unter Gedichte | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Nichts ist vollkommen auf dieser Welt, Heinrich Heine (1797 – 1856)

Nichts ist vollkommen auf dieser Welt,
der Rose ist der Stachel beigesellt;
ich glaube gar die lieben Engel
im Himmel droben sind nicht ohne Mängel…

Du bist, verehrte Frau, du selbst sogar
Nicht fehlerfrei, nicht aller Mängel bar.
Du schaust mich an, du fragst mich, was dir fehle?
Ein Busen, und im Busen eine Seele.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Anemone, Therese Dahn, (1845 -1929) Schriftstellerin


Sie sprießen licht aus Waldesnacht,
Ohne reichen Duft, ohne Farbenpracht,
Unter den großen, alten Bäumen,
Über das Moos wie flutend Träumen:
Wann der Wind vorüber streicht,
Neigen sie ihre Köpfchen leicht,
Aber wo die Sonne licht
Durch die Blätterkronen bricht,
Saugen sie all das goldige Scheinen
Sehnsuchtsvoll in den Kelch, den kleinen.
So blühen sie scheu, ohne Glanz und Pracht:
Die lichten Kinder der Waldesnacht.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Das macht den Menschen glücklich, Heinrich Heine (1797 – 1856)

Das macht den Menschen glücklich,
Das macht den Menschen matt,
Wenn er drei sehr schöne Geliebte
Und nur zwei Beine hat.

Der einen lauf ich des Morgens,
Der andern des Abends nach;
Die dritte kommt zu mir des Mittags
Wohl unter mein eignes Dach.

Lebt wohl, ihr drei Geliebten,
Ich hab zwei Beine nur,
Ich will in ländlicher Stille
Genießen die schöne Natur.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Mülerad, Anonym

Dört hoch auf jenem berge
da get ein mülerad,
Das malet nichts denn liebe
die nacht biß an den tag;
die müle ist zerbrochen,
die liebe hat ein end,
so gsegen dich got, mein feines lieb!
iez fahr ich ins ellend.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

FROHE PFINGSTEN …

Der Nachtigall Pfingstgesang

Zu Pfingsten sang die Nachtigall
nachdem sie Tau getrunken;
die Rose hob beim hellen Schall
das Haupt, das ihr gesunken!

O kommt ihr alle trinkt und speist,
ihr Frühlingsfestgenossen,
weil übers ird`sche Mal der Geist
des Herrn ist ausgegossen.

Die Himmelsjünger groß und klein
sind von der Kraft durchdrungen,
man hört sie reden insgemein
zu wunderbaren Zungen.

Und da ist kein Zung` am Baum
Kein Blatt ist da so kleines,
es redet auch mit drein im Traum
als sei`s voll süßen Weines.

Oh, Ihr Apostel gehet aus
Und predigt allen Landen
mit Säuselluft und Sturmesbraus
von dem, der ist erstanden!

Legt aus sein Evangelium,
auf Frühlingsau`n geschrieben,
daß er uns lieben will darum,
wenn wir einander lieben.

Wer liebend sich ans nächste hält
Und will nur das gewinnen,
umfaßt darin die ganze Welt,
und Gott ist mitten drinnen!

(Friedrich Rückert)

Wünsche ALLEN frohe Pfingsten.

 

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

In stiller Trauer …

Erinnerungen sind kleine Sterne, die tröstend in das Dunkel unserer Trauer leuchten.

In stiller Trauer, um meinen geliebten Bruder.

Veröffentlicht unter Gedichte | 7 Kommentare

GEDICHTE: Hast du noch nie …, Hermann Allmers, (1821-1902)

Hast du noch nie recht bitterlich geweint,
das glühende Tränen dir hervorgedrungen,
noch nie mit einem großen Schmerz gerungen,
noch nie unsäglich elend dich gemeint?

Hat hohe Freude nie dein Herz geschwellt,
durchbrausten nie dich stolze Jubelklänge,
das du fast meintest, deine Brust zerspringe,
und dass du seist der Seligste der Welt?

Wenn solche Schauer nimmer dich durchbebt,
hast du die Feuertaufe nicht bekommen,
des Daseins Strahlenhöhen nicht erklommen,
und sage nicht, du habest schon gelebt.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , | 1 Kommentar

GEDICHTE: Waldeinsamkeit, Hermann Allmers, (1821-1902)

O zaubergrüne Waldeseinsamkeit,
Wo alte, dunkle Fichten stehn und träumen,
Wo klare Bächlein über Kiesel schäumen
In tief geheimer Abgeschiedenheit.

Nur Herdenglockenlaut von Zeit zu Zeit,
Und leises Säuseln oben in den Bäumen,
Dann wieder Schweigen wie in Tempelräumen,
O zaubergrüne Waldeseinsamkeit! –

Hier sinkt des Erdendaseins enge Schranke,
Es fühlt das Herz sich göttlicher und reiner,
Als könnt es tiefer schauen und verstehen.

Da löst sich manch unsterblicher Gedanke;
Woher das kommt, das ahnet selten einer, –
Es ist des Weltengeistes nahes Wehen.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Heimliche Liebe, Anonym

Kein Feuer, keine Kohle
kann brennen so heiß
als heimliche Liebe,
von der niemand nichts weiß.

Keine Rose, keine Nelke
kann blühen so schön,
als wenn zwei verliebte Seelen
beieinander tun stehn.

Setze du mir einen Spiegel
ins Herz mir hinein,
damit du kannst sehen,
wie so treu ich es mein‘!

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar

GEDICHTE: Zwei Königskinder (16. Jh.)

Es waren zwei Königskinder,
die hatten einander so lieb,
sie konnten zusammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief.

Herzliebster, kannst du nicht schwimmen?
Herzlieb, schwimm herüber zu mir!
Zwei Kerzen will ich hier anzünden,
und die sollen leuchten dir.

Das hört eine falsche Nonne,
die tat, als ob sie schlief.
Sie tat die Lichter auslöschen,
der Jüngling ertrank so tief.

Es war an ei’m Sonntagmorgen,
die Leut‘ waren alle so froh,
bis auf die Königstochter,
sie weinte die Äuglein rot.

Ach Mutter, herzliebste Mutter,
der Kopf tut mir so weh;
ich möcht so gern spazieren
wohl an die grüne See.

Die Mutter ging nach der Kirche,
die Tochter hielt ihren Gang.
Sie ging so lang spazieren
bis sie den Fischer fand.

Ach Fischer, liebster Fischer,
willst du verdienen großen Lohn?
So wirf dein Netzt ins Wasser
Und fisch mir den Königssohn!

Er warf das Netz ins Wasser,
es ging bis auf den Grund;
er fischte und fischte so lange
bis er den Königssohn fand.

Der Fischer wohl fischte lange,
bis er den Toten fand.
Nun sieh‘ da, du liebliche Jungfrau,
hast hier deinen Königssohn.

Sie schloß ihn in ihre Arme
und küßt‘ seinen bleichen Mund:
Ach, Mündlein, könntest du sprechen,
so wär mein jung Herz gesund.

Sie schwang um sich ihren Mantel
und sprang wohl in den See:
Gut‘ Nacht, mein Vater und Mutter,
Ihr seht mich nimmermeh‘!

Da hörte man Glockengeläute,
da hörte man Jammer und Not,
da lagen zwei Königskinder,
die waren beide tot.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit | 2 Kommentare

GEDICHTE: Steigerlied, Anonym

Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt,
und er hat sein helles Licht bei der Nacht,
und er hat sein helles Licht bei der Nacht
schon angezünd’t, schon angezünd’t.

Hat’s angezünd’t, das gibt ein‘ Schein,
und damit so fahren wir bei der Nacht,
und damit so fahren wir bei der Nacht
ins Bergwerk ein, ins Bergwerk ein.

Ins Bergwerk ein, wo die Bergleut‘ sein,
die da graben das Silber und das Gold bei der Nacht,
die da graben das Silber und das Gold bei der Nacht
aus Felsgestein, aus Felsgestein.

Der eine gräbt das Silber, der andere gräbt das Gold.
Und dem schwarzbraunen Mägdelein bei der Nacht,
und dem schwarzbraunen Mägdelein bei der Nacht
dem sein wir hold, dem sein wir hold.

Ade, nun ade, Herzliebste mein!
Und da drunten in dem tiefen, finst’ren Schacht bei der Nacht,
und da drunten in dem tiefen, finst’ren Schacht bei der Nacht,
da denk ich dein, da denk ich dein.

Und kehr‘ ich heim zur Liebsten mein,
dann erschallet des Bergmanns Gruß bei der Nacht,
dann erschallet des Bergmanns Gruß bei der Nacht:
Glück auf, Glück auf! Glück auf, Glück auf!

Wir Bergleut’ sein, kreuzbrave Leut’,
denn wir tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht,
denn wir tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht
und saufen Schnaps, und saufen Schnaps!

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | 7 Kommentare

GEDICHTE: Schneeglöckchen, Anonym

Die Sonne sah die Erde an,
es ging ein milder Wind,
und plötzlich stand
Schneeglöckchen da,
das fremde blasse Kind.
Und plötzlich brach mit Pomp
und Braus der alte Winter auf,
die Wolken eilten pfeilgeschwind
Zum dunklen Nord hinauf.

Eisscholle lief, Schneeflocke
schmolz,
die Stürme heulten drein,
Schneeglöckchen stand gesenkten
Haupts in dem Gewühl allein.
Ei komm! Du weißes
Schwesterlein,
wie lange willst du stehn?

Der Winter ruft, das Reich ist aus,
wir müssen nach Hause gehn!
Und was nur rings auf Erden
trägt die weiße Liverei,
das schürze sich, das tummle
sich zur Abfahrt schnell herbei!

Schneeglöckchen sah sich bebend
an und dachte halb im Traum:
Was soll um Winters Liverei der
grüne,
grüne Saum?
Wob ihn wohl um das weiße Kleid
des Winters rauhe Hand?
Wo komm‘ ich her?
wo geh‘ ich hin?
Wo ist mein Vaterland?

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Die Grippe und die Menschen, Anonym, 1920

Als Würger zieht im Land herum
Mit Trommel und mit Hippe,
Mit schauerlichem Bum, bum, bumm,
Tief schwarz verhüllt die Grippe.

Sie kehrt in jedem Hause ein
und schneidet volle Garben –
Viel rosenrote Jungfräulein
Und kecke Burschen starben.

Es schrie das Volk in seiner Not
Laut auf zu den Behörden:
„Was wartet Ihr? Schützt uns vorm Tod –
Was soll aus uns noch werden?

Ihr habt die Macht und auch die Pflicht –
Nun zeiget eure Grütze –
Wir raten euch: Jetzt drückt euch nicht.
Zu was seid ihr sonst nütze!

’s ist ein Skandal, wie man es treibt,
Wo bleiben die Verbote –
Man singt und tanzt, juheit und kneipt,
Gibt’s nicht genug schon Tote?“

Die Landesväter rieten hier
Und hin in ihrem Hirne,
Wie dieser Not zu wehren wär‘,
Mir sorgenvoller Stirne;

Und sieh‘, die Mühe ward belohnt,
Ihre Denken ward gesegnet:
Bald hat es, schwer und ungewohnt,
Verbote nur so geregnet.

Die Grippe duckt sich tief und scheu
Und wollte sacht verschwinden –
Da johlte schon das Volk aufs Neu‘
aus hunderttausend Münden:

„Regierung, he! Bist du verrückt –
Was soll das alles heißen?
Was soll der Krimskrams, der uns drückt,
Ihr Weisesten der Weisen?

Sind wir denn bloß zum Steuern da,
Was nehmt ihr jede Freude?
Und just zu Fastnachtszeiten – ha!“
So gröhlt und tobt die Meute.

„Die Kirche mögt verbieten ihr,
Das Singen und das Beten –
Betreffs des andern lassen wir
Jedoch nicht nah uns treten!

Das war es nicht, was wir gewollt,
Gebt frei das Tanzen, Saufen,
Sonst kommt das Volk – hört, wie es grollt,
Stadtwärts in hellen Haufen!“

Die Grippe, die am letzten Loch
Schon pfiff, sie blinzelt leise
Und spricht: „Na, endlich – also doch!“
Und lacht auf häm’sche Weise.

„Ja, ja – sie bleibt doch immer gleich
Die alte Menschensippe!“
Sie reckt empor sich hoch und bleich
Und schärft aufs Neu‘ die Hippe.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , | 1 Kommentar