GEDICHTE: Der Winter ist kommen, Autor unbekannt

Der Winter ist kommen,
verstummt ist der Hain;
nun soll uns im Zimmer
ein Liedchen erfreun.

Das glitzert und flimmert
Und leuchtet so weiß
Es spiegelt die Sonne
Im blitzblanken Eis.

Wir gleiten darüber
Auf blinkendem Stahl
Und rodeln und jauchzen
Vom Hügel ins Tal.

Und senkt sich der Abend,
geht’s jubelnd nach Haus
ins trauliche Stübchen
zum Bratapfelschmaus.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar

GEDICHTE: Das Bettelweib, Emil Claar (1842 – 1930) österr. Schauspieler, Schriftsteller

Märchen aus Spanien / Mallorca: "Die Wasserfrau"

Ein Bettelweib saß am Wege,
Das Haupt gestützt in die Hand,
Und ihre beiden Kinder
Spielten vor ihr im Sand.

Sie sah die munteren Spiele,
Und sah das Elend nicht –
So etwas wie ein Lächeln
Umflog ihr blasses Gesicht.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

GEDICHTE: Der Wanderer, Carl Spitteler (1845 – 1924), Nobelpreisträger für Literatur 1919

Lady Winter

Flaumflocken flüstern vom Himmel leis.
Ein Wandrer steigt über Firn und Eis.
Die Schneefrau folgt ihm mit tückischem Schritt:
»Halt stille, mein Lieber, und nimm mich mit,
Der Abend ist nah, und der Gipfel ist fern.
Ich spiel dir zur Kurzweil ein Liedchen gern.«
Sie setzt an die Lippe die grüne Schalmei,
die jauchzte von Blumen und Lenz und Mai.
Er lauschte, die Wangen von Tränen naß,
dann schlug er ein Kreuzchen und zog fürbaß.

Und finstrer wölkt sich der dämmernde Schnee.
Sie schlich ihm zur Seite auf listiger Zeh‘:
»Halt! daß ich dir leuchte, du wandelst irr
Ein freundliches Märchen erzähl‘ ich dir.«
Eine Ampel zog sie aus ihrem Gewand;
Da glänzt ihm vor Augen der Heimat Land,
der Hügel, der Garten, die Eltern sein
im seligen goldigen Jugendschein.
Er schwankte. Schon kürzt er der Schritte Maß,
dann schlug er ein Kreuzchen und zog fürbaß.

Und es stürmt und es stöbert mit Sturmesmacht,
vom heulenden Felsen gähnt weiße Nacht.
Sein Wille versagte, sein Knie versank.
Da saß sie auf einer steinernen Bank.
»Hier ist es behaglich; komm, setze dich,
Ich weiß zu kosen gar minniglich.
Und lockt dich der Schlummer und lacht dir ein Traum
An meinem warmen Busen ist Raum.«
Sie blickte so lieblich, sie nickte so hold,
als ob sich der Himmel ihm öffnen wollt.
Er wankt ihr entgegen in taumelndem Lauf
und fiel ihr zu Füßen – stand nie mehr auf.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Der erste Schnee, Theodor Fontane (1819 – 1898)

Schönen Nachmittag - nice afternoon

Herbstsonnenschein. Des Winters Näh‘
Verrät ein Flockenpaar;
Es gleicht das erste Flöcklein Schnee
Dem ersten weißen Haar.

Noch wird – wie wohl von lieber Hand
Der erste Schnee dem Haupt –
So auch der erste Schnee dem Land
vom Sonnenstrahl geraubt.

Doch habet acht! mit einem Mal
Ist Haupt und Erde weiß,
Und Liebeshand und Sonnenstrahl
Sich nicht zu helfen weiß.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Wenn wir bescheid’ner wünschen, Hermann Christoph Gottfried Demme (1760 – 1822), deutscher evangelischer Theologe

Wenn wir bescheid’ner wünschen,
Und uns zufried’ner freu’n,
Wenn Pflicht uns über alles
Wird teu’r und heilig sein;
Wenn wir selbst besser werden,
Wird’s besser auch auf Erden!

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Der Zufriedene, Friedrich Schmidt von Werneuchen (1764 – 1838)

Landschaft - landscape

Wie bring ich doch so froh und frei,
So mit zufriednem Sinn
In meiner kleinen Siedelei
Den Tag des Lebens hin!
Es gaukeln viel der eitlen Herrn,
Der Toren um mich her.
Ich bleib in meinem Winkel gern
Und tausche nimmermehr.

In seinen Park, des Lärmens satt,
Flieht zwar der reiche Mann,
Doch sieht er nicht auf Blum‘ und Blatt,
Gafft nur den Schnirkel an.
Mir putzt Natur mein Gärtchen aus,
Mir g’nügt der Göttin Gunst.
Drum mag ich kein japanisch Haus
Und keine Wasserkunst.

Auf weicher Eiderdaune schnarcht
Der Wuchrer, wachend halb,
Sein Blutgewinnst, mit dem er kargt,
Drückt schwerer als der Alb.
Ich schlafe flugs und fröhlich ein,
Auch ohne weichen Flaum.
Mich drückt, gottlob, kein Edelstein,
Kein Gold im schweren Traum!

Der Wüstling neuster Mode steckt
In feiler Dirne Garn,
Liebt mit dem Munde, hüpft und schleckt
Und tändelt sich zum Narrn.
Für meine Auserwählt‘ entglomm
Zu stiller Glut mein Herz,
Und ihre Seel‘ ist rein und fromm,
Und Treu‘ ist ihr kein Scherz.

Ihr prunkt, o Menschen, geckt und rafft;
Doch was gewinnt ihr? – Spreu!
Ha, ganz ein andres Leben schafft
Mir meine Siedelei!
Und, oh, ein Weib, ein Weib ist mein,
Wie’s keiner von euch fand:
Drum kann’s für mich nur besser sein
Hier draußen auf dem Land!

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Ein zufriedener Mensch, Phil Bosmans (1922 – 2012), belgischer Ordenspriester, Telefonseelsorger und Schriftsteller

Relaxen

Ein zufriedener Mensch
erwartet vom Leben nicht mehr, als das Leben ihm geben kann.
Ein zufriedener Mensch wirkt Wunder:
Manche Probleme, die andere zugrunde richten, gehen vor ihm aus dem Weg.
Ein zufriedener Mensch genießt die Tage, so wie er sie bekommt.
Wer zuviel erwartet und fordert, zieht dunkle Wolken auf sich.
Er macht sich selbst die schlechten Tage.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

GEDICHTE: Lust auf den Wald, Simon Dach (1605 – 1659)

Herbstwald - autumn forest

Die Lust hat mich bezwungen,
zu fahren in den Wald,
wo durch der Vögel Zungen
die ganze Luft erschallt.
Ihr strebet nicht nach Schätzen
durch Abgunst Müh und Neid.
Der Wald ist eu’r Ergötzen
die Federn euer Kleid.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Zufriedenheit, Dichter unbekannt

Landschaft

Herr, du weißt, wieviel mich bedrückt.
Ich trage mit mir ein Bündel ausgeborgter Sorgen:
Irrtümer ganzer Generationen, die mich beengen;
Dummheiten, die andere bei mir abgeladen haben;
Bosheiten, die ein Mal zu erleben gereicht hätten.
Nimm mir diese Lasten ab, daß ich frei werde.
Herr, bringe mich auf neue und bessere Gedanken.
Denn wenn ich resigniert Schlimmes befürchte,
deprimiert meine Lieblingsängste auskoste
und mich für den ärmsten aller Menschen halte,
unterhälst du mich mit Vogelgesang,
verpackst mir das Geschenk des neuen Tages
mit einem herrlich glänzenden Sonnenaufgang
und bietest mir an, mit Freude neu zu beginnen.
Laß mich das Gute, Schöne und Erfreuliche sehen,
das du mir jeden Tag neu schenkst,
daß ich mich des Lebens mehr freuen kann.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar

GEDICHTE: Das alte Lied, Richard Dehmel (1863 – 1920)

Post aus Paris. Post from Paris.

Die Rosenknospe gab sie mir,
ein weh Lebwohl klang nach,
ich wollte Lächeln, als ich ihr
dafür ein Lied versprach.

Ihr stand ein Tränchen im Gesicht,
und lächeln wollte sie auch;
doch lächelten wir beide nicht,
das ist so Abschiedsbrauch.

Jetzt lächel ich in einem fort,
und ihr ist nicht mehr weh;
die Rosenknospe ist verdorrt,
das Lied ist aus – juchhee!

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Der Hidalgo, Emanuel Geibel (1815 – 1884), deutscher Lyriker

Portrait

Es ist so süß, zu scherzen
Mit Liedern und mit Herzen
Und mit dem ernsten Streit.
Erglänzt des Mondes Schimmer,
Da treibt’s mich fort vom Zimmer
Durch Platz und Gassen weit;
Da bin zur Lieb‘ ich immer
Wie zum Gefecht bereit.

Die Schönen von Sevilla
Mit Fächer und Mantilla
Blicken den Strom entlang;
Sie lauschen mit Gefallen,
Wenn meine Lieder schallen
Zum Mandolinenklang,
Und dunkle Rosen fallen
Mir vom Balkon zum Dank.

Ich trage, wenn ich singe,
Die Zither und die Klinge
Von Toledanischem Stahl.
Ich sing‘ an manchem Gitter
Und höhne manchen Ritter
Mit keckem Lied zumal.
Der Dame gilt die Zither,
Die Klinge dem Rival.

Auf denn zum Abenteuer!
Schon losch der Sonne Feuer
Hinter den Bergen aus;
Der Mondnacht Dämmerstunden,
Sie bringen Liebeskunden,
Sie bringen blut’gen Strauß;
Und Blumen oder Wunden
Trag‘ morgen ich nach Haus.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Der Abenteurer, Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)


»Abenteurer, wo willst du hin?«

Quer in die Gefahren,
Wo ich vor tausend Jahren
Im Traume gewesen bin.

Ich will mich treiben lassen
In Welten, die nur ein Fremder sieht.
Ich möchte erkämpfen, erfassen,
Erleben, was anders geschieht.

Ein Glück ist niemals erreicht.
Mich lockt ein fernstes Gefunkel,
Mich lockt ein raunendes Dunkel
Ins nebelhafte Vielleicht.

Was ich zuvor besessen,
Was ich zuvor gewußt,
Das will ich verlieren, vergessen. –
Ich reise durch meine eigene Brust.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Ein Stück Bierflasche, Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

Eine Bierflasche ging in Scherben
Am Stein am See.
Dem Manne, der sie warf,
Brachte dieser Wurf Verderben,
Besser gesagt: ein Fuß-Wehweh.
Glasscherben sind spitz und scharf.

Eine Scherbe, nicht die just gemeinte,
Reiste unfreiwillig Strömungsfort.
Diese ward vom Meeresgrundesand
So gequält, daß alles Wasser weinte.
Nach Jahrenden trieb sie an den Strand,
Fernen Strand; war völlig glatt geschliffen.

Hat ein Badestrolch sie aufgegriffen,
Merkte gleich, daß sie kein Bernstein, gar
Rauchtopas oder noch edler war,
Und ließ doch das funkelschöne Ding
Kunstvoll fassen in einen Ring.

Und vererbt, gestohlen, hingegeben
Mag die Scherbe durch Jahrhunderte
Als verkannte, aber doch bewunderte
Abenteuerin noch viel erleben.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | 2 Kommentare

GEDICHTE: Ein Reiseabenteuer in Deutschland, Friedrich Hebbel (1813 – 1863)

Herbstwind

Es flog in X mein Hut mir ab,
Natürlich über die Grenze,
Und als ich, ihn wiederholen, lief,
Da gab’s vertrackte Tänze.

Ich durfte den deutschen Nachbarstaat
Nicht ohne Paß betreten,
Und da ich bloß spazierenging,
So hatt‘ ich mir keinen erbeten.

Das tat ich nun, auch wurde ich
In Gnaden damit versehen,
Doch war’s um meinen armen Hut
Trotz alledem geschehen.

Der war schon längst im dritten Staat
Und blieb auch dort nicht liegen,
Ihn ließ der schadenfrohe Wind
Ein Dutzend noch durchfliegen.

Was half mir nun der gute Paß,
Den ich in X genommen?
Zehn neue braucht ich in einem Tag,
Da war nicht nachzukommen.

Ich kaufte mir einen andern Hut,
Der Meister aber erwählte
Den Wiener Kongress zum Schutzpatron,
Als ich mein Schicksal erzählte.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | 5 Kommentare

GEDICHTE: Abend, Johann Georg Fischer (Dichter) (1816 – 1897), deutscher Lyriker

Engel der Nacht

Endet schon des Tages Leben
und sein ganzes Glück?
Töne und Gestalten schweben
in sich selbst zurück.

Zwischen Wachen, zwischen Träumen
trinkt die Seele schon,
zugeweht aus andern Räumen,
leisen Harfenton.

Breite nun, du sternenschöne,
atemstille Nacht,
deine Schleier und versöhne
wo ein Leiden wacht.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

GEDICHTE: Im Abendrot, Karl Lappe (1773 – 1843), pommerscher Dichter

See und Berglandschaft. Lake and mountain landscape.

O wie schön ist Deine Welt,
Vater, wenn sie golden strahlet,
wenn Dein Glanz herniederfällt
und den Staub mit Schimmer malet,
wenn das Rot, das in der Wolke blinkt,
in mein stilles Fenster sinkt.

Könnt ich klagen? könnt ich zagen?
irre sein an Dir und mir?
Nein, ich will im Busen tragen
Deinen Himmel schon allhier,
und dies Herz, eh es zusammenbricht,
trinkt noch Glut und schlürft noch Licht.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , | 1 Kommentar

GEDICHTE: Abendfriede, Ludwig Eichrodt (1827 – 1892)

Mondnacht

Schwebe, Mond, im tiefen Blau
Ueber Bergeshöhn,
Sprudle Wasser, blinke Thau . . .
Nacht, wie bist du schön!

Spiegle, See, den reinen Strahl;
Friede athmend lind
Durch das wiesenhelle Thal
Walle, weicher Wind!

Wie durch einen Zauberschlag
Bin ich umgestimmt
Von Gedanken, die der Tag
Bringt und wieder nimmt.

Daß es auch ein Sterben gibt,
Fühl‘ ich ohne Schmerz,
Was ich liebe, was micht liebt,
Geht mir still durchs Herz.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar

GEDICHTE: Abendlied, Edmund Hoefer (1819 – 1882), deutscher Novellist

La mer

Ich sitz‘ am einsamen Strande,
Grau kommt der Abend daher,
Grau ruht und unabsehbar,
Oede vor mir das Meer.

Es streicht eine Möve droben
Dahin mit klagendem Schrei,
Und einsam kommt sie geflogen,
Und einsam fliegt sie vorbei.

Es dunkelt still auf den Wellen,
Es dunkelt still in der Höh‘!
Der Vogel fliegt weiter und weiter,
Hinaus in die Nacht und die See.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , | 4 Kommentare

GEDICHTE: Ende des Tages, Charles Baudelaire (1821 – 1867), französischer Dichter

Nachtschwärmerin

In bleiernen Lichtes Weben
Tanzt und windet ohne Grund
Sich schamlos lärmend das Leben,
Drum sobald der Erde Rund

Von seligem Dunkel erfrischt ist,
Wann alles, der Hunger selbst, ruht,
Wann alles, die Schmach selbst, verwischt ist,
Seufzt der Dichter: Nun ist’s gut!

Meine Glieder wie meine Gefühle
Erflehen die Ruhe sich,
In finsterem Traumgewühle

Will ausgestreckt liegen ich,
Und dein Vorhang umhülle mich,
Erquickende, nächtige Kühle.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Im Herbst, Theodor Fontane (1819 – 1898), dt. Schriftsteller

Es fällt das Laub wie Regentropfen
So zahllos auf die Stoppelflur;
Matt pulst der Bach wie letztes Klopfen
Im Todeskampfe der Natur.

Still wird’s! und als den tiefen Frieden
Ein leises Wehen jetzt durchzog,
Da mocht’ es sein, daß abgeschieden
Die Erdenseele aufwärts flog.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare