GEDICHTE: Wir brachen die Farne, Ingrid Streicher (*1943), österreichische Autorin

Farn im Wald

Wir brachen die Farne
zu Mitternacht,
mitten im dunkelsten Walde.
Der Mond war verhanden
und lange schon
ruhten die Gräser,
die bangen.

Wir brachen die Farne
und trugen sie heim
und schufen
ein sanftes Lager.
Doch nicht
um zu schlafen:

Wir liegen
und lauschen
dem murmelnden Bach
und schauen
und halten
die Träume uns wach.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Wind, Horst Rehmann (*1943), deutscher Publizist, Maler, Schriftsteller

Unendlichkeit

Du bist so frisch und wunderbar,
bist überall, doch unsichtbar,
man spürt dich gerne, mild und lind,
ein Jeder ist dir gut gesinnt.

Hast natürlich auch zwei Seiten,
eine heißt – gemütlich gleiten,
die andere heißt schlicht – Orkan,
du zeigst sie heulend und spontan.

Blätterrauschen ist dein Sprechen,
lässt dabei auch Äste brechen,
du verteilst im Land den Regen,
kannst auch sonst noch viel bewegen.

Treibst Segelboote übers Meer,
beherrscht ein großes Wolkenheer,
du bist etwas, das jeder kennt,
bleibst trotzdem nur —
ein unsichtbares Element.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Natur ist glücklich…, Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Aquarelle Art

Natur ist glücklich. Doch in uns begegnen
sich zuviel Kräfte, die sich wirr bestreiten:
wer hat ein Frühjahr innen zu bereiten?
Wer weiß zu scheinen? Wer vermag zu regnen?

Wem geht ein Wind durchs Herz, unwidersprechlich?
Wer faßt in sich der Vogelflüge Raum?
Wer ist zugleich so biegsam und gebrechlich
wie jeder Zweig an einem jeden Baum?

Wer stürzt wie Wasser über seine Neigung
ins unbekannte Glück so rein, so reg?
Und wer nimmt still und ohne Stolz die Steigung
und hält sich oben wie ein Wiesenweg?

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Vom wilden Lärm der Städte fern, Konrad von Schmidt-Phiseldeck (1770 – 1832)

Landschaft - landscape

Vom wilden Lärm der Städte fern,
Im kühlen Hain weht Geist vom Herrn:
Es ist der Andacht stiller Geist,
Der uns dem Weltgewühl entreißt,
In heil’ger Gluth die Herzen läutert,
Und den Gedankenkreis erweitert.
Wer Einsamkeit, die hehre, scheut,
Wen eitler Thorheit Glanz erfreut,
Wen nimmer die Natur entzückt,
Wer keinen Freund an’s Herz gedrückt;
Für den ist Gottes Geist verloren,
Er ward der Erde nur geboren.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Natur, Adelheid Stier (1852 – 1942), deutsche Schriftstellerin

Regenbogenwelt

Ob irdisch Glück und Liebe
Wie Spreu im Sand verweht,
Ob noch so wenig bliebe
Im Wechsel, das besteht, –
Natur, die ewig gleiche,
Beut ihren Freudenschatz,
Und Kunst, die üppig reiche,
Beglückt uns zum Ersatz.
Und wer von Herzensgrunde
Die beiden liebgewinnt,
Bleibt bis zur letzten Stunde
Ein glücklich Menschenkind.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , | 1 Kommentar

GEDICHTE: Berg, Bruno Wille (1860 – 1928)

Wanderpause

Über Felsen, windumflattert,
Klimm ich hoch hinan zum Freien;
Droben will ich mich entladen
Dieser Qual, im Sturme baden,
Neugeboren meine Seele weihen.

Berg, vor deinem Riesenantlitz
Kann mein Kleinmut nicht bestehen.
Sturm, im Brausen deiner Kraft,
Die den Forst zusammenrafft,
Muss mein Seufzer wie ein Staub verwehen.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Vogelsang, Jakob Bosshart (1862 – 1924)

Spring

Vogelstimme, wunderbar
Rührst du mir die Seele!
Wie entspringst du warm und wahr,
Weil die Liebe dich gebar,
Freudevoll der Kehle!

Wo hast deine Weisen du,
Volk der Luft, gefunden?
Ging ein Sänger einst zur Ruh,
Hat dir Seel‘ und Lied dazu
Sterbend überbunden?

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Dein Lied, Amsel, Ingrid Streicher (*1943), österreichische Autorin von Lyrik

Amsel im Garten

Vor Sonnenaufgang schon
melodischer Gesang:
dein Lied, Amsel!
Frühlingskünderin,
in Strophen,
flötend und bewegt,
so steckst du
dein Revier;
dann lockst du wieder her
im liebessüßen Drang.

Vertraut wie Heimat
ist dein Singen,
dein Trillern, Jubilieren,
und spät im Herbst
dein Abgesang.
Du bleibst.
Du fliehst nicht,
schweigst nicht lang.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Vorüber, Wilhelm Raabe (1831 – 1910)


Nun ist es vorüber,
Nun ist es geschehn,
Die Donner verrollen,
Die Wolken verwehn.

Es leuchtet, es blitzet
Die Wiese, der Wald.
Was eben noch dunkel,
Wie hellt’s sich so bald!

Nun ist es geschehen,
Nun ist es getan!
Es war ja ein Traum nur,
Es war nur ein Wahn!

Vom Zweige es träufet,
Die Wimper ab auch;
wie funkeln die Tropfen
An Blättlein und Aug‘!

Wie leuchtet die Sonne
Mit glänzendem Schein,
Über Berg, über Tal,
Ins Herz mir hinein!

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Wieder duftet der Wald, Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Guten Morgen - good morning

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er leer war, –
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Des Königs Liebchen, August von Platen (1796-1835)

Ferdinand getreu und Ferdinand ungetreu

Unser König zog zum Streite,
Seine Liebste zog ihm nach,
Hüllte sich in blanken Harnisch,
Der im Rüstgewölbe lag.

Hüllte sich in blanken Harnisch,
Nahm das Schwert in zarte Hand,
Und sie folgt ihm, aller Orten,
Ewig treu und unerkannt.

Und sie folgt ihm aller Orten,
Folgt ihm bis ins Schlachtgefild,
Und ihr weißer, zarter Busen
War des guten Königs Schild.

Und ihr weißer, zarter Busen
Wallte unterm Panzerhemd;
Nicht erkannte sie der König,
Hielt sie als ein Knappe fremd.

Nicht erkannte sie der König,
Aber wohl verehrt‘ er sie:
Habe manchen Kampf gestritten,
Solchen Knappen fand ich nie!

Habe manchen Kampf gestritten,
Keinen sah ich, diesem gleich,
Hätt ich tausend solcher Knappen,
Gäb ich wohl mein Königreich.

Hätt ich tausend solcher Knappen,
Dann erkämpft ich mir die Welt!
Also sprach der edle König,
Also sprach der gute Held.

Und es zog der edle König
In die wilde, blut’ge Schlacht,
Vor ihm zog die holde Jungfrau,
Klein in ihrer Männertracht.

Vor ihm zog die holde Jungfrau;
Aber aus der Feinde Schar
Kam ein wilder, mut’ger Reiter,
Der der Hort der Feinde war.

Kommt ein wilder, mut’ger Reiter,
Tapfer gleich dem Cherubim,
Und sein Ruf bewegt die Bäume
Und den Boden unter ihm.

Und sein Ruf bewegt die Bäume
Und des Königs tapfern Sinn,
Denn auf diesen sprengt der Wilde
Mit der rüst’gen Lanze hin.

Denn auf diesen sprengt der Wilde,
Glaubt sich schon am sichern Ziel;
Doch die Jungfrau traf ihn mächtig,
Daß er blutend niederfiel.

Doch die Jungfrau traf ihn mächtig,
Alles stürzt‘ nun auf sie los;
Ihren zarten, treuen Leichnam
Rettete der König bloß.

Ihren zarten, treuen Leichnam
Ließ er tragen in sein Zelt;
Aber zu des Streites Sieger
Kämpfte sich der gute Held.

Und der Held, des Streites Sieger,
Kehrt bekränzt, nach heil’gem Brauch:
Blut, so spricht er, ist geflossen,
Tränen mögen fließen auch!

Blut, so spricht er, ist geflossen,
Tritt nun in sein prächtig Zelt;
Doch was sieht der edle König,
Was erblickt der gute Held?

Ach, ein Mädchen, sieht der König,
Liegt in Engelsschöne dort,
Er erkennt die Züge wieder,
Doch er spricht kein lautes Wort.

Er erkennt die Züge wieder,
Wirft sich auf die Jungfrau hin,
Küsst den schönen Mund noch einmal
Seiner schönen Retterin.

Küsst den schönen Mund noch einmal,
Wort und Träne ward ihm Stein,
Und er zieht den letzten Atem
Aus den toten Lippen ein.

Zieht von ihr den letzten Atem,
Seinen Zepter wirft er hin,
Und er setzt die Lorbeerkrone
Auf das Haupt der Siegerin.

Und er wand die Lorbeerkrone
Um die blonden Locken her,
Steigt zu Pferde, fliegt von dannen,
Und es sah ihn Keiner mehr!

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Manchmal geschieht es in tiefer Nacht, Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Morgendämmerung

Manchmal geschieht es in tiefer Nacht,
Daß der Wind wie ein Kind erwacht,
Und er kommt die Allee allein
Leise, leise ins Dorf herein.

Und er tastet bis an den Teich,
Und dann horcht er herum:
Und die Häuser sind alle bleich,
Und die Eichen sind stumm …

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Befreundete Frucht, Eugen Gottlob Winkler (1912 – 1936)

still life

Endlich Süße! Jeder Bissen
In dein Fruchtfleisch läßt mich wissen:
Für dein einiges Gebilde,
Lange bitter, – später milde,
Stetig gleich warst du beflissen.

Ahnte dir die künft’ge Wendung?
Fremd noch deiner reifen Sendung,
Kaum im Mittag Süßes witternd,
Blindlings drangst du auf Vollendung.

Köstlich, da die Himmel kalten,
Nur vom Netz am Ast gehalten
Und bedroht von Vogelflügen
Bist im Saft du aufgestiegen,
Luft und Stille zu gestalten.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Meisenglück, Friedrich Hebbel (1813 – 1863)

Frühling; Spring

Aus dem gold’nen Morgen-Qualm
Sich herniederschwingend,
Hüpft die Meise auf den Halm,
Aber noch nicht singend.

Doch der Halm ist viel zu schwach,
Um nicht bald zu knicken,
Und nur, wenn sie flattert, mag
Sie sich hier erquicken.

Ihre Flügel braucht sie nun
Flink und unverdrossen,
Und indeß die Füßchen ruh’n,
Wird ein Korn genossen.

Einen kühlen Tropfen Thau
Schlürft sie noch daneben,
Um mit Jubel dann in’s Blau‘
Wieder aufzuschweben.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | 2 Kommentare

GEDICHTE: In den Bergen, Martin Greif (1839 – 1911)

Am Bergsee

Felsen in den Lüften oben,
Freut euch, daß ihr hoch erhoben
Über dieser Erde steht!
Daß vom lärmenden Getöse
Dieser nicht’gen Weltengröße
Kaum ein Nachhall zu euch weht.

Ferne von des Tages Mühen
Ragt ihr auf in reinem Glühen,
Wenn schon Nacht das Thal verhüllt.
Noch ist uns das Licht verborgen,
Wenn der Sonne Glanz am Morgen
Eurer Rosen Kelch erfüllt.

Stumm von Ewigkeit gethürmte,
Schnee- und wieder föhnumstürmte
Reicht ihr in den Äther hin!
Eure Gipfel sind im Blauen,
Wenn zu Füßen auch die grauen
Dunkeln Wetterwolken zieh’n.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Abzuschaffen geschärfte Todesarten, Friedrich Rückert (1788 – 1866)

Guten Morgen, liebe Freunde

Abzuschaffen geschärfte Todesarten,
Abzustellen den Graus der Folterkammern,
War wohl unseren aufgeklärten Zeiten
Vorbehalten zu einem Ruhm. Doch leider
Daß unschuldige Menschenleben gleichwohl,
Von Krankheiten gespannt auf Folterbetten,
Schwerem langsamem Tod entgegen schmachten!
Ach wenn menschlicher auch die Menschen wurden,
Unsre Mutter Natur, sie ist bei ihrer
Alten heiligen Barbarei geblieben.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Weiß die Natur noch den Ruck, Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Blumenwiese

Weiß die Natur noch den Ruck,
Da sich ein Teil der Geschöpfe
Abriß vom stetigen Stand?
Blumen, geduldig genug,
Hoben nur horchend die Köpfe,
Blieben im Boden gebannt.

Weil sie verzichteten auf
Gang und gewillte Bewegung,
Stehn sie so reich und so rein.
Ihren tiefinneren Lauf,
Voll von entzückter Erregung,
Holt kein Jagender ein.

Innere Wege zu tun
An der gebotenen Stelle,
Ist es nicht menschliches Los?
Anderes drängt den Taifun,
Anderes wächst mit der Welle, –
Uns sei Blume-sein groß.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Künstlers Abendlied, Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Sommerwiese

Ach, daß die innre Schöpfungskraft
Durch meinen Sinn erschölle!
Daß eine Bildung voller Saft
Aus meinen Fingern quölle!

Ich zittre nur, ich stottre nur
Und kann es doch nicht lassen;
Ich fühl, ich kenne dich, Natur,
Und so muß ich dich fassen.

Bedenk ich dann, wie manches Jahr
Sich schon mein Sinn erschließet,
Wie er, wo dürre Heide war,
Nun Freudenquell genießet,

Wie sehn ich mich, Natur, nach dir,
Dich treu und lieb zu fühlen!
Ein lust’ger Springbrunn, wirst du mir
Aus tausend Röhren spielen.

Wirst alle meine Kräfte mir
In meinem Sinn erheitern
Und dieses enge Dasein hier
Zur Ewigkeit erweitern.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Die Pappeln, Ferdinand von Saar (1833 – 1906)

In der Natur

Wie lieb‘ ich euch,
Leise schwankende Pappeln,
Die ihr gesammelten Wuchses
Zum Himmel aufstrebt!
Freilich wohl
Erreicht ihr ihn nicht –
Aber hoch empor ragt ihr
über niedres Gestrüpp nicht bloß
Und den verkrüppelten Fruchtbaum:
Auch die mächtige Eiche,
Die schattenspendende Linde
Laßt ihr unter euch.
Und mit ihnen
Die dumpfen Wohnungen der Menschen,
Deren kurzer Blick, dem Nützlichen zugewandt,
Nur selten an euch, den Nutzlosen,
Empor sich hebt,
Indes ihr,
Weithin überschauend die Landschaft,
Selig einsam die Häupter wieget
Im ewigen Äther.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

GEDICHTE: Leise von den Alleen ergriffen, Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Silence

Leise von den Alleen
Ergriffen, rechts und links,
Folgend dem Weitergehen
Irgendeines Winks,

Tritts du mit einem Male
In das Beisammensein
Einer schattigen Wasserschale
Mit vier Bänken aus Stein;

In eine abgetrennte
Zeit, die allein vergeht.
Auf feuchte Postamente,
Auf denen nichts mehr steht,

Hebst du einen tiefen
Erwartenden Atemzug;
Während das silberne Triefen
Vor dem dunkeln Bug

Dich schon zu den Seinen
Zählt und weiterspricht.
Und du fühlst dich unter Steinen,
Die hören, und rührst dich nicht.

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen