Nachtgedanken … Heinrich Heine

Detail aus einem Triptychon von Hieronymus Bosch, um 1505

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh ich, wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf Jahre flossen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eichen, seinen Linden
Werd ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

Seit ich das Land verlassen hab,
So viele sanken dort ins Grab,
Die ich geliebt – wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich – Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual,
Mir ist, als wälzten sich die Leichen
Auf meine Brust – Gottlob! Sie weichen!

Gottlob! Durch meine Fenster bricht
Französisch heitres Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

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DER GUTE RAT AN DIESEM TAG:

Betrachte die Welt nicht mehr voller Unruhe.
Dann strahlt das Licht des Tages aus deinen Augen.
Sie sind der Spiegel der Welt.
Indianische Weisheit

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Verkehrte Welt …, Heinrich Heine

Hirschjagd, 1675, Norwich Castle

Das ist ja die verkehrte Welt,
Wir gehen auf den Köpfen!
Die Jäger werden dutzendweis’
Erschossen von den Schnepfen.

Die Kälber braten jetzt den Koch,
Auf Menschen reiten die Gäule;
Für Lehrfreiheit und Rechte des Lichts
Kämpft die katholische Eule.

Der Häring wird ein Sansculott’,
Die Wahrheit sagt uns Bettine,
Und ein gestiefelter Kater bringt
Den Sophokles auf die Bühne.

Ein Affe läßt ein Pantheon
Erbauen für deutsche Helden.
Der Maßmann hat sich jüngst gekämmt,
Wie deutsche Blätter melden.

Germanische Bären glauben nicht mehr
Und werden Atheisten;
Jedoch die französischen Papagei’n,
Die werden gute Christen.

Im uckermärk’schen Moniteur,
Da hat man’s am tollsten getrieben:
Ein Toter hat dem Lebenden dort
Die schnödeste Grabschrift geschrieben.

Laßt uns nicht schwimmen gegen den Strom,
Ihr Brüder! Es hilft uns wenig!
Laßt uns besteigen den Templower Berg
Und rufen: »Es lebe der König!«

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DER GUTE RAT AN DIESEM TAG:

Der Mensch glaubt manchmal,
er sei zum Besitzer,
zum Herrscher erhoben worden.
Das ist ein Irrtum.
Er ist nur ein Teil des Ganzen.
Seine Aufgabe ist die eines Hüters,
eines Verwalters, nicht die des Ausbeuters.
Der Mensch hat Verantwortung, nicht Macht.
Indianische Weisheit

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Simplicissimus I., Heinrich Heine

Der eine kann das Unglück nicht,
Der andre nicht das Glück verdauen.
Durch Männerhaß verdirbt der eine,
Der andre durch die Gunst der Frauen.

Als ich dich sah zum erstenmal,
War fremd dir alles galante Gehöfel;
Es deckten die plebejischen Hände
Noch nicht Glacéhandschuhe von Rehfell.

Das Röcklein, das du trugest, war grün
Und zählte schon sehr viele Lenze;
Die Ärmel zu kurz, zu lang die Schöße,
Erinnernd an Bachstelzenschwänze.

Du trugest ein Halstuch, das der Mama
Als Serviette gedienet hatte;
Noch wiegte sich nicht dein Kinn so vornehm
In einer gestickten Atlaskrawatte.

Die Stiefel sahen so ehrlich aus,
Als habe Hans Sachs sie fabrizieret;
Noch nicht mit gleißend französischem Firnis,
Sie waren mit deutschem Tran geschmieret.

Nach Bisam und Moschus rochest du nicht,
Am Halse hing noch keine Lorgnette,
Du hattest noch keine Weste von Sammet
Und keine Frau und goldne Kette.

Du trugest dich zu jener Zeit
Ganz nach der allerneusten Mode
Von Schwäbisch Hall – Und dennoch, damals
War deines Lebens Glanzperiode.

Du hattest Haare auf dem Kopf,
Und unter den Haaren, groß und edel,
Wuchsen Gedanken – aber jetzo
Ist kahl und leer dein armer Schädel.

Verschwunden ist auch der Lorbeerkranz,
Der dir bedecken könnte die Glatze –
Wer hat dich so gerauft? Wahrhaftig,
Siehst aus wie eine geschorene Katze!

Die goldnen Dukaten des Schwiegerpapas,
Des Seidenhändlers, sind auch zerronnen –
Der Alte klagt: bei der deutschen Dichtkunst
Habe er keine Seide gesponnen.

Ist das der Lebendige, der die Welt
Mit all ihren Knödeln, Dampfnudeln und Würsten
Verschlingen wollte, und in den Hades
Verwies den Pückler-Muskau, den Fürsten?

Ist das der irrende Ritter, der einst,
Wie jener andre, der Manchaner,
Absagebriefe schrieb an Tyrannen,
Im Stile der kecksten Tertianer?

Ist das der Generalissimus
Der deutschen Freiheit, der Gonfaloniere
Der Emanzipation, der hoch zu Rosse
Einherritt vor seinem Freischarenheere?

Der Schimmel, den er ritt, war weiß,
Wie alle Schimmel, worauf die Götter
Und Helden geritten, die längst verschimmelt;
Begeistrung jauchzte dem Vaterlandsretter.

Er war ein reitender Virtuos,
Ein Liszt zu Pferde, ein somnambüler
Marktschreier, Hansnarr, Philistergünstling,
Ein miserabler Heldenspieler!

Als Amazone ritt neben ihm
Die Gattin mit der langen Nase;
Sie trug auf dem Hut eine kecke Feder,
Im schönen Auge blitzte Ekstase.

Die Sage geht, es habe die Frau
Vergebens bekämpft den Kleinmut des Gatten,
Als Flintenschüsse seine zarten
Unterleibsnerven erschüttert hatten.

Sie sprach zu ihm: »Sei jetzt kein Has’,
Entmemme dich deiner verzagten Gefühle.
Jetzt gilt es zu siegen oder zu sterben –
Die Kaiserkrone steht auf dem Spiele.

Denk an die Not des Vaterlands
Und an die eignen Schulden und Nöten.
In Frankfurt laß ich dich krönen, und Rothschild
Borgt dir wie andren Majestäten.

Wie schön der Mantel von Hermelin
Dich kleiden wird! Das Vivatschreien,
Ich hör es schon; ich seh auch die Mädchen,
Die weißgekleidet dir Blumen streuen« –

Vergebliches Mahnen! Antipathien
Gibt es, woran die Besten siechen,
Wie Goethe nicht den Rauch des Tabaks,
Kann unser Held kein Pulver riechen.

Die Schüsse knallen – der Held erblaßt,
Er stottert manche unsinnige Phrase,
Er phantasieret gelb – die Gattin
Hält sich das Tuch vor der langen Nase.

So geht die Sage – Ist sie wahr?
Wer weiß es? Wir Menschen sind nicht vollkommen.
Sogar der große Horatius Flaccus
Hat in der Schlacht Reißaus genommen.

Das ist auf Erden des Schönen Los!
Die Feinen gehn unter, ganz wie die Plumpen;
Ihr Lied wird Makulatur, sie selber,
Die Dichter, werden am Ende Lumpen.

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DER GUTE RAT AN DIESEM TAG:

Ich bin das Land,
meine Augen sind der Himmel,
meine Glieder die Bäume,
ich bin der Fels,
die Wassertiefe.
Ich bin nicht hier,
um die Natur zu beherrschen oder sie auszubeuten.
Ich bin selbst Natur.
Indianische Weisheit

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Warnung…, Johann Wolfgang von Goethe

Die Elfenkönigin Titania findet am Strand den Zauberring,
Gemälde von Johann Heinrich Füssli, 1804/1805

So wie Titania im Feen- und Zauberland
Klaus Zetteln in dem Arme fand,
So wirst du bald zur Strafe deiner Sünden
Titanien in deinen Armen finden.

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DER GUTE RAT AN DIESEM TAG:

Die Vögel verlassen die Erde mit ihren Flügeln.
Auch die Menschen können die Erde verlassen,
zwar nicht mit Flügeln,
aber mit ihrem Geist.
Indianische Weisheit

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Nett und niedlich…, Johann Wolfgang von Goethe

Hast du das Mädchen gesehn
Flüchtig vorübergehn?
Wollt’, sie wär’ meine Braut!

Ja wohl! Die Blonde, die Falbe!
Sie fitticht so zierlich wie die Schwalbe,
Die ihr Nest baut.

Du bist mein und bist so zierlich,
Du bist mein und so manierlich,
Aber etwas fehlt dir noch:
Küssest mit so spitzen Lippen,
Wie die Tauben Wasser nippen;
Allzu zierlich bist du doch!

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DER GUTE RAT AN DIESEM TAG:

Wer etwas Wichtiges vorhat,
sollte nicht lange Reden halten,
sondern nach ein paar Worten zur Sache kommen.
Indianische Weisheit

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Soldatentrost…, Johann Wolfgang von Goethe

‘Marie Pachler’, Gemälde von Josef Abel

Nein! Hier hat es keine Not:
Schwarze Mädchen, weißes Brot!
Morgen in ein ander Städtchen!
Schwarzes Brot und weiße Mädchen!

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DER GUTE RAT AN DIESEM TAG:

Wirklich weise ist,
wer mehr Träume in seiner Seele hat,
als die Realität zerstören kann.
Indianerweisheit

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Für Sie…, Johann Wolfgang von Goethe

Clara Bianca von Quandt, 1820, Schnorr von Carolsfeld

“In deinem Liede walten
Gar manche schöne Namen!”
Sind mancherlei Gestalten,
Doch nur ein Rahmen.

“Nun aber die Schöne,
Die dich am Herzen hegte?”
Jede kennt die Töne,
Die sie erregte.

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DER GUTE RAT AN DIESEM TAG:

Urteile nicht darüber,
ob etwas gut oder schlecht ist,
ohne dein Herz befragt zu haben.
Indianische Weisheit

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ALAAF!!! und HELAU!!!

Ich wünsche eine wundervolle Narrenzeit!

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Feinseliger Blick…, Johann Wolfgang von Goethe

Junger Mann mit Brille, Josef Abel

“Du kommst doch über so viele hinaus,
Warum bist du gleich außerm Haus,
Warum gleich aus dem Häuschen,
Wenn einer dir mit Brillen spricht?
Du machst ein ganz verflucht Gesicht
Und bist so still wie Mäuschen.”

Das scheint doch wirklich sonnenklar!
Ich geh’ mit Zügen frei und bar,
Mit freien treuen Blicken;
Der hat eine Maske vorgetan,
Mit Späherblicken kommt er an,
Darein sollt’ ich mich schicken?

Was ist denn aber beim Gespräch,
Das Herz und Geist erfüllet,
Als dass ein echtes Wortgepräg’
Von Aug’ zu Auge quillet!
Kommt jener nun mit Gläsern dort,
So bin ich stille, stille;
Ich rede kein vernünftig Wort
Mit einem durch die Brille.

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DER GUTE RAT AN DIESEM TAG:

Ihr sollt wissen, dass alles, was ihr braucht,
Geschenke der Erde unten,
des Himmels oben

und der vier Winde sind.
Wenn ihr euch gegen diese Elemente vergeht,
wird es schlimme Konsequenzen für euch haben.
Indianische Weisheit

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Kein Vergleich…, Johann Wolfgang von Goethe

Ziege und Lamm, 1806, Jacob Philipp Hackert

Befrei’ uns Gott von s und ung,
Wir können sie entbehren;
Doch wollen wir durch Musterung
Nicht uns noch andre scheren.

Es schreibt mir einer: “Den Vergleich
Von Deutschen und Franzosen,”
Und jeder Patriot sogleich
Wird heftig sich erbosen.

Kein Christenmensche hört ihm zu;
Ist denn der Kerl bei Sinnen?
Vergleichung aber lässt man zu:
Da müssen wir gewinnen.

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DER GUTE RAT AN DIESEM TAG:

Ich bin frei geboren, frei wie der Adler,
der über den großen blauen Himmel schwebt;
ein leichter Wind streift sein Gesicht.
Ich werde frei sein.
Indianische Weisheit

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Homer wieder Homer…, Johann Wolfgang von Goethe

Der blinde Homer wird geführt (William Bouguereau, 1874)

Scharfsinnig habt ihr, wie ihr seid,
Von aller Verehrung uns befreit,
Und wir bekannten überfrei,
Dass Ilias nur ein Flickwerk sei.

Mög’ unser Abfall niemand kränken;
Denn Jugend weiß uns zu entzünden,
Dass wir ihn lieber als Ganzes denken,
Als Ganzes freudig ihn empfinden.

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