Trink’n wir noch’n Tröppchen…

Manches Lied wird heutzutage riesig populär —
Hat es einer erst gesungen, singt man’s ringsumher.
Ist der Text auch albern und die Melodie banal,
Das ist denen, die es singen, schließlich ganz egal.
So zum Beispiel, wenn man heute durch die Straßen zieht,
Hört man überall das wunderschöne Lied:
Trink’n wir noch’n Tröppchen,
Trink’n wir noch’n Tröppchen
Aus dem kleinen Henkeltöppchen.
Ach, in jedem Städtchen,
Alle Jung’n und Mädchen
Sing’n das Liedchen wie am Drähtchen.
O, Susanna — ruft man in allen Gassen aus,
O, Susanna — hängst mir zum Halse ‘raus.

‘s nimmt ein junges Mädchen musikal’schen Unterricht,
Doch ich glaube, weg’n dem Unterricht da tut sie’s nicht.
Denn erst kürzlich war sie mit dem Lehrer ganz allein,
Und der Mondschein schien schon schüchtern in das Fenster ‘rein.
Ängstlich sagte da die Maid: „Ich steck’ die Lampe an”.
Doch er sprach und zog das Mädchen zu sich ‘ran:
„Gib mir noch ein Küßchen,
Gib mir noch ein Küßchen,
Küss’ mich noch ein kleines bischen —
Gib mir noch ein Schmätzchen —
Setz’ dich, liebes Schätzchen —
Auf das weiche Sophaplätzchen.
O, Susanne — du brauchst das Licht nicht auf zu dreh’n,
O, Susanne, im Dunkeln ist es schön.”

Ein Kadett, der kommt auf Urlaub und er freut sich sehr,
Denn bewundert wird er von den Damen ringsumher.
Seine Uniform ist schneidig und voll Eleganz —
Drum am Abend geht er freudig zu Musik und Tanz.
Alle Tänze tanzt er schneidig mit derselben Maid,
Und am Schluß singt er noch voller Heiterkeit:
„Mach’n wir noch’n Tänzchen,
Mach’n wir noch’n Tänzchen,
Komm mein süßes Mauseschwänzchen —
Leg’ dein holdes Köpfchen
Mit den blonden Zöpfchen
An den Rock mit gold’nen Knöpfchen.
O, Susanne, wenn wir nach Hause geh’n, wird’s famos,
O, Susanne — dann geht der Tanz erst los.”

‘s hat ein Lehrer vor zehn Jahren sich ein Weib gefreit.
Seine Frau war anfangs voller Lust und Fröhlichkeit.
Doch jetzt macht die Lehrersfrau schon lang ein bös Gesicht.
In der Schule hab’n sie Kinder, doch zu Hause nicht.
Wenn der Mann sein liebes Weibchen nun so traurig sieht,
Geht er hin zu ihr und singt das schöne Lied:
„Wart’n wir noch ‘n Jährchen,
Wart’n wir noch ‘n Jährchen,
‘s kommt vielleicht ein Zwillingspärchen,
Bald, mein holdes Liebchen,
Fliegt der Storch ins Stübchen,
Bringt ein Mädchen und ein Bübchen.
O, Susanne — verliere nur nicht die Geduld,
O, Susanna — du weißt, wir sind nicht Schuld.”

‘s schleicht ein Grenadier des Abends zu der Köchin ‘rein.
„Liebst du mich auch ewig?” fragt ihn da das Mägdelein.
„Selbstverständlich”, sagt er, „wirst du stets von mir geliebt”.
Doch er denkt dabei: Solang’ es was zu essen gibt.
Freudig stellt sie ihm die allerschönsten Sachen hin
Und sie singt dazu mit liebevollem Sinn:
„Trink’ doch noch’n Schlückchen,
Iß doch noch’n Stückchen —
Dickchen, hier ist Hasenrückchen —
Schmier’ dir noch’n Krüstchen,
Haste noch’n Lüstchen
Auf ein frisches Gänsebrüstchen?”
„O, Susanna — komm’ her mit deiner Gänsebrust,
O, Susanna – wenn du nicht willst, du mußt.”

Lebrecht Bemmchen aus dem Sachsenland war 20 Jahr,
Als er’s erste mal mit seiner Braut zum Balle war.
Beim Nachhausgeh’n sagt er: „Komm’ mit in die Droschke ‘rein”,
Doch sie sprach: „Die ist geschlossen und das darf nicht sein”.
Schließlich tat sie’s aber doch, sie fuhren ziemlich weit,
Und am Schluß da sang sie voller Seligkeit:
„Fahr’n wir noch’n Stündchen,
Fahr’n wir noch’n Stündchen,
Kriegst ooch noch’n Kuß auf’s Mündchen.”
„Ja, mein liebes Lämmchen,
Bleib’ bei deinem Bemmchen —
Kutscher, hier sind noch drei Emmchen.
O, Susanna — der Wagen wackelt hin und her,
O, Susanna — da fällt das Küssen schwer.”

Otto Reutter

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

DER GUTE RAT AN DIESEM TAG:

Sei nicht nur gegen andere,
sondern vor allem gegen dich selbst aufrichtig.

Veröffentlicht unter Der gute Rat | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Hühneraugen-Hymnus…

Ich pries schon oft manch’ graues Augenpaar,
Ich schwärmt schon für Augen, hell und klar.
Für braune Augen schwärmt ich spät und früh,
Doch es gibt Augen, die pries ich noch nie.
Die Hühneraugen sind es, die ich mein’ .
Die auch zu preisen, fällt mir gar nicht ein,
Weil, erstens, ich nicht schönes daran find’,
Dann, weil sie schmerzen Mann und Weib und Kind
Und drittens, weil sie überflüssig sind.
Jeder soll es jetzt erfahren,
Was mir geschehn vor wenig Jahren
Auf der Insel Helgoland,
Wo ich leider jene Augen,
Die bekanntlich gar nichts taugen,
Grad’ bei meinem Liebchen fand.

Ja. am Strand von Helgoland
War’s, wo ich mein Liebchen fand.
Dort sah ich die holde Maid
Im pikanten Badekleid.
Doch sie war dezent dabei,
Nur die Füsse waren frei;
Voller Freuden sagte sie:
“Mach’ mit mir ne Kahnpartie!”
Wir sassen im Kahne beisammen,
Ich wollt’ ihr die Liebe gesteh’n.
Ich warf mich ihr schmachtend zu Füssen
Und hab’ ihr aufs Auge geseh’n.
Mein Herz stand mir still — und im Schiffe
Ergriff’s mich mit wildem Weh.
Ich sah nicht die Felsenriffe,
Ich schaut’ nur hinab auf die Zeh':
“Du hast ja die schönsten Augen,
Hast mehr noch, als Menschenbegehr,
Zwei oben und zwei hast Du unten,
Mein Liebchen, was willst Du noch mehr.”
Da sah sie mich so eigen an:
“Das weisst Du nicht, Du böser Mann?
Ob Äuglein sind blau, ob braun oder grau.
Ob hier oder dort,
Wenn nur’s Herz am rechten Ort!”
Dann ging ich mit dem Mägdelein
In’s Kurtheater ‘rein.
Wir mussten steh’n. es war kein Platz,
Auf einmal sagt’ mein Schatz:
“Ich kann nicht steh’n, geliebter Mann!
Ich hab’ zu enge Stiefeln an!”
„Ist denn kein Stuhl da, Stuhl da, Stuhl da,
Für meine Hulda, Hulda, Hulda?”
Doch alles lachte nur,
Von Aufsteh’n keine Spur,
Und meine Hulda
Stand wie ‘ne Null da!
“Ich hab’ ein Aug’, das macht mich wild”.
Rief meine Hulda schmerzerfüllt
“Leb’ wohl”, sprach sie und dann verschwand
Sehr schnell die holde Nymphe.
Sie nahm die Stiefeln in die Hand
Und macht’ sich auf die Strümpfe.
Das arme Mädchen tat mir leid, ich muss es frei gestehen.
Doch wie ihr, so wird es wohl Vielen noch gehen.
Ja manchen hier im Saale, den drückt vielleicht der Schuh
Man sagt es nur nicht gerne, man drückt ein Auge zu.
Auch ich, ja ich selber, so leid mir’s auch tut,
ich muss Ihnen offen gestehen:
Auch ich hab’ ein Auge, das bringt mich in Wut,
O hätt’ ich es niemals gesehen.
Erst ward ‘ne Knospe nur,
Dann ward ‘ne Blüte d’raus,
Und jetzt, wenn’s Regen gibt,
Ich halt’s nicht aus —
Erst war es klein und zart,
Dann ward es etwas hart.
Und eh’ ich’s mir versah.
Da war es da!
Ein Hühneraug’ steht einsam
Auf meiner kleinen Zeh’,
Es blickt so trüb, so traurig,
Und tut entsetzlich weh.
Jüngst ging ich mal spazieren hier
Mit meinem besten Freund
Da trat er auf das Auge mir,
Da hab’ ich leis’ geweint.
Da hab’ ich leis’ geweint!
O, liebes Menschenkind, verzage nicht,
Wenn Dir dereinst Dein Hühnerauge bricht,
Sei nur getrost und denk’ in Deinem Sinn:
Wo ‘mal eins war, komm’n zweie wieder hin.
D’rum tröste Dich und denke an das Tier,
So manches Tier empfindet’s grad’ wie wir.
Denk’ an ein Huhn, geliebtes Publikum,
Ach so ein armes Huhn, es ist zu dumm,
Läuft’s ganze Jahr mit Hühneraugen ‘rum.

Otto Reutter

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

DER GUTE RAT AN DIESEM TAG:

Freundschaft ist eine dauernde Aufgabe.

Veröffentlicht unter Der gute Rat | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Alles verstehen, heißt alles verzeih’n!

Auf manchen Menschen wird heut’ geschimpft –
unbedacht wird auf die Nase rümpft.
Eh’ ich zum Vorwurf öffne den Mund,
geh’ ich der Sache erst auf den Grund.
Mancher zum Beispiel sagt vorwurfsvoll:
„Gott, sind die Leut’ heut’ vergnügungstoll!
Gehn ins Theater, ins Varieté,
sitzen beim Weine im Séparée.“ – –
Warum denn soll’n wir uns nicht zerstreu’n?
Worüber soll’n wir uns sonst heut’ noch freu’n?
Schafft uns doch Freude – das wär gescheit.
Wir brauchen sie in dieser traurigen Zeit.
Da ihr zu schaffen sie nicht versteht,
zerstreu’n wir uns selber, so gut’s eben geht.
Ich will das nicht etwa entschuld’gen – o nein,
aber alles verstehen, heißt alles verzeih’n.

Von manchen Mädchen sagt man voll Hohn:
„Gott, wie verdorben mit achtzehn schon!“
Ja, denkt doch mal nach, wieso das geschah!
Vater im Kriege, die Mutter nicht da.
Sie ohne Aufsicht, ist jung und schön,
hässliche Mädchen wird nie was gescheh’n.
Seh’n sie, dann naht dann so’n junger Fant,
ein Koofmich oder gar’n Leutenant,
holt von Geschäft sie, bringt sie nach Haus,
sie wird nicht gewarnt, sie geht mit ihm aus,
er schenkt ihr ‘n Brillanten, den längst sie möcht’!
Ist er auch falsch – ihre Liebe ist echt.
Sie glaubt ihm, die geht mit ihm längere Zeit,
geht immer weiter und geht – zu weit.
Ich will das nicht etwa entschuld’gen – o nein,
aber alles verstehen, heißt alles verzeih’n.

Trifft sich mal heute ein Menschenpaar,
red’n sie vom Essen, das ist doch klar.
Jeder, der hamstert sich heut’ was ein.
Was hintenrum kommt, kommt vorne rein.
Einer schaut neidisch dem andern aufs Brot,
„Der hat’s belegt – und wir leiden Not!“
Dabei möcht’ jeder sich gern was hol’n,
sei’n wir doch ehrlich – wir haben gestohl’n.
Jeder nahm heute schon indirekt
dem andern weg, was ihm selber geschmeckt –
und die, die’s Kartensystem uns erdacht,
haben wohl auch schon mal ‘n Fehler gemacht.
Der größte Despot, das ist unser Bauch,
der nimmt’s, wo’s herkommt – – der meinige auch.
Ich will das nicht etwa entschuld’gen – o nein,
aber alles verstehen, heißt alles verzeih’n.

Wo man heut’ hinschaut, da liest man „Tanz“.
Ja, ist denn die Jugend verdorben ganz?
Mancher schimpft auf die Jugend von heut’,
doch ich verteid’ge die jungen Leut’.
War’n vielleicht sechzehn bei Kriegsbeginn,
lebten fünf Jahre in Trauer dahin,
haben von Tanz, von Liebe geträumt –
hab’n die fünf herrlichsten Jahre versäumt,
hör’n die nun heut’ ‘nen Walzer von Strauß,
zuckt’s ihn’n im Bein – sie halten’s nicht aus.
Denkt euch doch bitte mal hinein
in so’n Mädchenherz, in so’n Mädchenbein.
Fünf Jahr’nicht getanzt – sie wurden nicht satt.
Was sich da auf gestapelt hat!
All die Walzer von Strauß
sitzen drin und nun müssen sie raus.
Ich will das nicht etwa entschuld’gen – o nein,
aber alles verstehen, heißt alles verzeih’n.

So manchem Herrscher grollt heut’ die Welt.
Grollt auch den Höflingen, die ihn umstellt.
Wenn er sich räuspert, wenn er gespuckt,
hab’n sie voll Ehrfurcht dahin geguckt.
Namen ihn gänzlich in ihre Hut.
Was er auch tut, ist richtig und gut.
Selbst wenn er gut, wenn er gar nichts tut,
heißt’s. „Majestät, die haben geruht.“
Gott ist der Höchste – das ist bekannt,
der Allerhöchste wird er genannt.
Was er auch tut, das ist wohl getan,
ja, da kriegt doch so’n Mann den Größenwahn,
und er erklärt den Krieg sodann,
obwohl er ihn gar nicht – „erklären“ kann.
Ich will das nicht etwa entschuld’gen – o nein,
aber alles verstehen, heißt alles verzeih’n.

Der Steuerbote ist nicht populär –
den Geldbriefträger, den die man mehr.
Ach, auch der glühendste Patriot
flucht, wenn der Steuerbote droht.
Denn von den Steuern sind all beliebt
immer nur die, die der andere gibt.
Doch wenn uns selber der Bude besucht,
der flucht Mann – das nennt man dann Steuer„flucht“.
Auch ich zahl’ Steuer und nicht zu knapp,
das ist ganz gerecht – ich geb’ gerne was ab.
Trotzdem hab’ ich’s schlimmer, wie alle im Haus,
denn Sie dürfen fluchen, Sie toben sich aus.
Aber Witze drauf machen, wenn der Staat sagt: „Bezahl!“
Und dann hier abends noch lachen, das machen Sie mal!
Ich will mich nicht etwa entschuld’gen – o nein,
aber alles verstehen, heißt alles verzeih’n.

Otto Reutter

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

DER GUTE RAT AN DIESEM TAG:

Das Leben ist unsere wichtigste Reise.

Veröffentlicht unter Der gute Rat | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Zwanzig Jahre später…

’s war ein Jüngling ohne Bart,
das war jammerschade.
Drum kauft’ er vor langer Zeit
zehn Pfund Bartpomade.
Der Erfolg war wunderbar.
Alle Tage dreht er
und nun kam das erst Haar
zwanzig Jahre später.

Mancher Wunderknirps im Film,
den ich mir betrachte,
ist drei Jahr lang sechse alt,
nach fünf Jahren achte,
nach zehn Jahren wird er bald
zwölf – und mißt zwei Meter
und dann wird er vierzehn alt
zwanzig Jahre später.

Gibt’s mal wo ‘ne Schlägerei,
wenn sich zweie raufen,
eil’n die Menschen schnell herbei,
stehn in dichten Haufen.
Tausend Leute kommen ran,
schreien Mord und Zeter.
Schließlich kommt’n Schutzmann an
zwanzig Jahre später.

Ein Verbrecher ward erwischt –
das war sein Verhängnis.
Die Familie gab’s Geleit
ihm bis zum Gefängnis.
„So, nun geht nach Hause“ sprach
sanft der Missetäter.
„Bleibt gesund, ich komme nach
zwanzig Jahre später.“

Vor dem letzten Akte sprach
jemand im Theater:
„Nein, den Schluß wart’ ich nicht ab!“
Warum gehen tat er?
Auf dem Zettel, den er hielt
las der dumme Peter:
„Letzter Akt des Stückes spielt
zwanzig Jahre später.“

Mein Freund Schulz, der manches mal
stotternd hat gesprochen,
sagte: „J-etzt m-ach ich ‘ne Ku-r,
D-ie hi-ilft in z-wei Wochen.“
Ich stellt’ mich dann bei ihm ein,
klopfte wie’n Verdrehter –
und dann sagt mein Freund: „H-erein“
zwanzig Jahre später.

Jeder hat ein Luftschiff bald,
groß wird das Gewimmel.
Eh’ der Mensch begraben wird,
ist er schon im Himmel.
Immer höher fliegt man dann
rastlos durch den Äther.
Wer raus fällt, kommt unten an
zwanzig Jahre später.

Eine Frau sagt zu dem Mann:
„Sei doch treu mir künftig!
Bändle nicht mit andern an!“
Er sagt: „Sei vernünftig!
Schlag den Schmerz dir aus dem Sinn“,
lacht der Schwerenöter,
„sollst mal seh’n, wie treu ich bin
zwanzig Jahre später!“

Willst du dir ein Mädchen frei’n,
das recht schlank und schick ist,
schau dir erst die Mutter an,
ob die nicht zu dick ist.
Die Figur von der Mama
wird dir zum Verräter:
so steht auch dein Weibchen da
zwanzig Jahre später.

Gegen früher lebt man heut’
meistens viel geschwinder
darum kommen vor der Zeit
manchmal manche Kinder.
„Hochzeit kommt, wenn voll das Nest,“
denken manche Väter;
„das gibt ein Familienfest
zwanzig Jahre später.“

Für die Ehe rüsten sich
uns’re Dam’n bezeiten,
rauchen, trag’n ’n Mannskostüm,
fahren, schwimmen, reiten,
fechten, boxen mit dem Mann,
stark wie Breitensträter,
bloß das Kochen lern’n sie dann
zwanzig Jahre später.

’s hab’n zwei Mädchen jüngst gefreit,
eine nahm ’nen Jungen.
Wenn der kommt, fühlt sie sich gleich
ganz von ihm durchdrungen.
Doch die an’dre sagt voll Schmerz:
„Meiner liebt petéter
wenn der küßt, das spür’ ich erst
zwanzig Jahre später.“

John Bull und der gall’sche Hahn
können sich gut leiden,
doch, ihn an die Schulden mahn’n,
muss John Bull vermeiden.
Denn der gall’sche falsche Hahn
lacht – und leise kräht er:
„Du willst Geld? Da frag’ mal an
zwanzig Jahre später.“

Von den Mächtigen, die mit uns
streiten systematisch,
ist der Pole uns vor all’n
überaus sympathisch.
Immerfort macht ihr Skandal,
wie ein gift’ger Köter.
Wart, wir sprechen uns noch mal
zwanzig Jahre später!

Wer sich heut’ ‘ne Wohnung sucht,
muss drauf lange warten.
Mein Freund Krause ebenfalls
geht zu den Genarrten.
Wartet schon Jahr aus, Jahr ein,
endlich dann gerät er (auf die Erde zeigend)
in die letzte Wohnung rein
zwanzig Jahre später.

Uns’re Post ist immer noch
riesig auf dem Posten.
Für das liebe Publikum
scheut sie keine Kosten.
Jeden Brief, den schickt sie prompt,
kaum ’ne Stunde geht er,
bloß ein wicht’ger Eilbrief kommt
zwanzig Jahre später.

Ein Rentner von achtzig Jahr’n,
arm geworden ist er –
wartet auf die Aufwertung.
Da sagt der Minister:
„Sie zuerst krieg’n ihren Lohn,
Sie vom Glück verschmähter,
zwei Mark Zinsen krieg’n Sie schon
zwanzig Jahre später!“

Manchmal sind im Publikum
Sehr gescheite Leute,
lachen gleich bei jedem Witz,
ganz besonders heute.
Doch manchmal kommt ’n Dummer an,
keinen Spaß versteht er,
bei ’nem Witz, da lacht er dann
zwanzig Jahre später.

Ja, es gibt gewisse Leut’,
die sehr schwer kapieren,
und die erst nach zwanzig Jahr’n
endlich applaudieren.
Wenn das heute mir geschieht –
da gibt’s kein Gezeter
dann sing’ ich das nächste Lied
zwanzig Jahre später.

Otto Reutter

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

DER GUTE RAT AN DIESEM TAG:

Wenn du ein Ziel hast,
werden auch deine Pläne gelingen.

Veröffentlicht unter Der gute Rat | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Mutter Erde…

Ich bin die Welt, bin Mutter Erde,
bin eine alte, alte Frau,
bin viele hunderttausend Jahre,
doch ich verrat das nicht genau.
Oft hab’ die Frage ich vernommen:
Wie lange ist die Welt schon hier?
Wann ist die Welt zur Welt gekommen?
Das heißt: Wann kam ich einst zu mir.
Fragt man: wie alt? Sag ich mit Ächzen
leis': „1900“ und betont die „19“.
Bin heut’ noch herrlich anzuseh’n!
Man sagt noch heut: „Die Welt ist schön!“
Schon viele, viele Jahr’,
blieb ich so, wie ich war.
Und dreh’ mich leise in alter Weise,
hatt’ nur zwei Kleider anzuzieh’n,
im Winter weiß – im Sommer grün!
Jetzt ward – gut Trauer – ich immer grauer,
hab’ mir ein and’res Kleid bestellt.
Denn feldgrau ist die ganze Welt!

Die Menschen sind kuriose Leute,
Sie sagen oft, die Welt sei schlecht.
Doch wie ich war, bin ich noch heute –
die Menschen nur sind ungerecht:
denn was ich bin und hab’ und werde,
geb’ ich für meine Kinder her.
Ach, Raum für alle hat die Erde,
was macht ihr euch die Erde schwer?
Stadt voller Dank mich zu begrüßen –
da tretet ihr die Erde – mich – mit Füßen!
Ich denke: Tut, was euch gefällt,
denn Undank ist der Lohn der Welt.
St. ihr euch alle noch?
Ich lieb’ euch alle doch.
Und dreh’ mich leise in alter Weise,
wie oft schon ward verlästert ich –
und dennoch – heimlich liebt man mich!
Die Menschen alle – auf meinem Balle
woll’n gar nicht wieder runtergeh’n –
Sie sag’n, auf mir wär’s wunderschön!

Eins schämt ich mich, mich ganz zu zeigen –
nur eine Hälfte war in Sicht.
Columbus fand die hint’re Hälfte –
die bess’re Hälfte war das nicht.
Fürs Haupt der Erde hält sich England,
es möcht’ Gebieten allerwärts!
Die andern Länder hält’s für Glieder –
doch ich glaub – Deutschland ist das Herz –!
Ja, dieses Herz, viel Schmerz verträgt es,
doch regt das Herz sich auf, – dann klopft’s – dann schlägt es,
dann steht das Herz nicht still – es spricht;
ihr kennt das Herz noch lange nicht! – – –
Ich seh’ nur Kampf rings um –
frag’ traurig mich: „Warum?“
Und dreh’ mich leise in alter Weise.
Was kürzt ihr euer Erdenlos?
Kommt viel zu früh in meinen Schoß,
könnt’ all’ auf Erden – so glücklich werden –
doch jeder, der auf mir erschien,
der glaubt, ich dreh’ mich nur um ihn.

So zieh’ ich leise meine Kreise,
nur ihm gehorchen, der mich schuf.
Doch manchmal kocht’s in meinem Innern,
fern in Italien – im Vesuv –
den Treubruch dort – ‘s ist ungeheuer gedankt Strich
hab ich – die Welt – noch nicht erlebt!
Da kochte ich, da spie ich Feuer,
da sagte man: „Die Erde bebt!“
Ja, bei Italien’s Tun und Treiben
fiel’s mir, der Erde, schwer, neutral zu bleiben.
Du Böses Kind, dacht’ ich voll Pein,
du bist zu schön, um treu zu sein! – – –
Nun harr’ auf Frieden ich.
Kommt er, dann freu’ ich mich.
Und dreh’ mich leise in alter Weise,
dann zieh’ ich aus mein Kleid so grau,
dann komm’ ich als verjüngte Frau
im Friedenskleide – aus weißer Seide
und jedermann wird eingesteh’n:
Noch niemals war die Welt so schön! –

Otto Reutter

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit | 3 Kommentare

DER GUTE RAT AN DIESEM TAG:

Liebe ist sanft und still.

Veröffentlicht unter Der gute Rat | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar